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«Wer anruft, ist einen Schritt weiter»

01.01.2016
Bis zum 24. Februar steht im Münster Schaffhausen eine Audioinstallation des Sorgentelefons «Die Dargebotene Hand». Die Ausstellung gibt Einblicke in den Gesprächs-alltag von Telefon 143. Und zeigt, wie normal die Alltagssorgen sind.

Fünf Telefonapparate und eine Laptop-Attrappe umfasst die Audioinstallation «reden statt aufgeben» von Telefon 143, «Die Dargebotene Hand». Auf Knopfdruck sind Gesprächsbeispiele zu verschiedenen Lebensthemen zu hören. Beim Laptop ist das Beispiel einer Online-Beratung zu lesen. Alles wirkt sehr authentisch. Und erstaunlich undramatisch. Maria Lampart, Mitglied der Geschäftsleitung der «Dargebotenen Hand», bestätigt diesen Eindruck: «Es muss nicht immer die ganz grosse Krise sein. Gespräche tun gut bei jeder Art von Sorgen und Kummer.»
Schweizweit werden täglich rund 450 Gespräche geführt, und zwar rund um die Uhr. Hauptthema in jedem Alter sind Beziehungen und was damit verbunden ist: Liebe, Freundschaft, Sehnsüchte, Verletzungen, Beziehungsbrüche, Verluste, Einsamkeit. Das war nicht immer so. Am Anfang stand der Gedanke der Suizidprävention. Chad Varah, Pfarrer einer anglikanischen Gemeinde in London, liess 1954 ein Inserat erscheinen, in dem stand: «Bevor Sie sich das Leben nehmen, rufen Sie mich an!» Das Inserat war der Start zur heute fast weltweit verbreiteten Organisation der Telefonseelsorge.
Die heutige «Dargebotene Hand» ist ein Zusammenschluss von zwölf regionalen Organisationen unter einem schweizerischen Dachverband. Sie ist offen für alle Menschen, unabhängig von Religion, Kultur und Herkunft. Die Regionalstelle Winterthur Schaffhausen Frauenfeld finanziert sich grösstenteils durch Spendengelder. Gut 30 Prozent des Budgets tragen die reformierten und katholischen Landeskirchen. Der Hauptteil der Gelder fliesst in die Aus- und Weiterbildung der ehrenamtlich tätigen Mitarbeitenden.
Anonymität gewährleistet
Was aber veranlasst Menschen, sich an Telefon 143 zu wenden? Maria Lampart nennt den Schutz der Anonymität. «Wir haben bewusst keine Möglichkeit, Anrufende oder Chatpartner zu eruieren.» Die Gesprächspartner von Telefon 143 hören wohlwollend zu, kommentieren und werten nicht. Es folgen keine Konsequenzen.
Eine wichtige Sache sei, Anrufende spüren zu lassen, dass man sie wertschätze. Dazu gehöre auch, dass Suizidgedanken ausgesprochen werden dürfen. «Oft sagt jemand im Lauf des Gesprächs, dass es schon ein wenig besser geht», sagt Lampart. Von diesem Punkt an sei das gemeinsame Überlegen, was weiter hilfreich sei, oft möglich.
Auch die Onlineberatung wird rege genutzt. «Dieses Angebot ist niederschwelliger, der Kontakt nicht so persönlich wie im Gespräch.» Da würden denn auch schwierige Lebensthemen direkter angesprochen, wie Sinnfragen, Missbrauch, Suizidalität. Heute verzeichnet Telefon 143 zirka fünf Kontakte pro Tag, in welchen Menschen Suizidgedanken äussern. Anzurufen brauche mehr Mut, räumt die Geschäftsleiterin ein. Aber egal ob mündlich oder schriftlich: «Wer sich meldet, ist einen Schritt weiter.»
adriana Schneider



Audioinstallation «Dargebotene Hand»:
Münster Schaffhausen, bis 24. Februar;
Kantonsspital Schaffhausen, 25. Februar bis 16. März


Zum Bild: Die Audioinstallation «reden statt aufgeben» gibt Beispiele von Gesprächen und Onlineberatungen wieder, wie sie bei Telefon 143 täglich geführt werden.| zvg


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