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Wie am Abgrund eines Vulkans

01.01.2016
Ende des letzten Jahres reiste eine Delegation aus Hägendorf zum Guss ihrer Glocke ins Tirol. Sie tauchten ein in eine archaische Welt aus heissem Metall, Ritualen und Gebeten.

Der Klang von Kirchenglocken ist in unseren Breitengraden alltäglich, auch heute im digitalen Zeitalter. Doch das Giessen einer Glocke ist ein altes Handwerk voller archaischer Rituale. Das erlebte eine Delegation aus Hägendorf, die zum Guss ihrer Glocke zur international tätigen Glockengiesserei Grassmayr nach Tirol fuhren.
Seit über vier Jahrhunderten ist das Familienunternehmen erfolgreich. Bereits 1599 begann Grassmayr im Ötztal Glocken zu giessen. Wie die Familienchronik verrät, machte das Unternehmen auch schwierige Zeiten durch. Einer, der diese spannenden Jahrzehnte miterlebt und die Firma über viele Jahre geführt hat, ist Christof Grassmayr. Mit seinen 76 Jahren führte er die Besucher mit Charme und Witz durch sein Museum und durch die Giesserei. Natürlich konnten die Solothurner den Hinweis nicht verkneifen, dass ihre kleine Glocke in Hägendorf die Jahreszahl 1571 trägt und somit ein paar Jahre mehr auf dem «Buckel» habe als die Giesserei.

232 Kilogramm schwere Glocke
Als die Delegation in der Gusshalle vor den Glockenformen steht und den mächtigen 200 Jahre alten Holzflammofen betrachtet, der mit zehn Tonnen Kupfer und Zinn gefüllt ist, sind sie schwer beeindruckt. Zehn Glocken werden an diesem Novembertag gegossen. Die kleinste mit 118 Kilo für den Villacher Zentralfriedhof und die grösste mit 3150 Kilo für die Kathedrale in Suceava Rumänien. Nicht zu vergessen die 232 Kilogramm schwere Glocke für Hägendorf.
Als sich die Halle langsam mit Besuchern füllt und drei Geistliche aus Rumänien ihre Messe mit Gesang und der Segnung beginnen, wird es ehrfürchtig still. Vier Männer in silbernen Schutzanzügen treten vor. In ihrer eigentümlichen Kleidung scheinen sie fast von einem anderen Stern zu kommen. Die Arbeiter bereiten routiniert den Guss vor. Die Wärme des 1145 Grad heissen Metalls breitet sich im Raum aus. Das Giessen selber hat etwas Rituelles: Kurz vor dem Guss wird das notwendige Zinn eingeworfen. Dann dreht sich der Schmelzofen mit dem flüssigen Metall und ergiesst einen Teil seines Inhaltes in einen kleineren, bereits vorher erhitzten Gusskübel. Bevor das Metall in die Formen gegossen wird, beteten die Giesser gemeinsam mit den Besuchern für das Gelingen des Gusses. Nur die Flammen des Ofens erleuchten die grauschwarze Dämmerung der Halle.
Dann geht das Spektakel los. Die Stille wird vom Zischen und Brodeln durchbrochen. Wie flüssiges Feuer, plätschernd wie Wasser und rot wie Lava, läuft die Bronze durch den Gusskanal auf die Glocke zu. Explosionsartig schiesst eine Stichflamme aus der ersten Form. Mit Giessbirnen regulieren die Arbeiter den Fluss des Metalls in die Gussform. Den Hägendorfern kommt es vor, als stünden sie am Abgrund eines Vulkanes. Sie spüren die enorme Hitze. Das flüssige Metall sieht aus wie Magma. Es dauert eine Weile, bis sich alle zehn Formen füllten. Vor allem die drei Tonnen schwere Glocke schluckte beträchtlich viel Material.
Zum Abschluss segnet Kirchenkommissions-Präsident Jörg Briner gemeinsam mit der Hägendörfer Delegation die Glocke. Collin Rüedi stimmt auf seiner Panflöte «Amazing Grace» an. Eine Woche braucht das Metall zum Abkühlen. Dann werden die Glocken aus ihrer Gussform befreit. Am 10. Mai wird die Hägendorfer Glocke feierlich im Glockenturm aufgezogen.


Zum Bild: Magischer Augenblick: Wie heisses Magma ergiesst sich das Metall in die Glockenform. | Salvisberg

Jürg Rüedi


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