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«Ein soziales, kein religiöses Problem»

01.01.2016
Auch einen Monat nach dem Attentat auf «Charlie Hebdo» gibt es keine einfachen Antworten. Bildung, und soziale Integration sind nötig, um Gleiches zu verhindern. So das Resultat eines Podiums der Offenen Kirche Elisabethen und des Forums für Zeitfragen.

«´Je suis Charlie´ ist ein grosses Missverständis». Der dies sagte, war Matthias Zehnder, Chefredaktor der «bz Basel». Zehnder stellte seine Aussage in einen kulturellen Kontext. Die Situation in Frankreich könne nicht mit unserer in der Schweiz verglichen werden. Er vertrat die Meinung, dass die Religion nur als Vorwand zum Anschlag diente, dessen Wurzeln aber im sozialen Umfeld der Täter gründen.

Bildung schafft Lebensperspektiven
Thomas Kessler, Basels Stadtentwickler, stimmte dem zu. «Wer in seinem Leben keine Perspektive für einen sozialen Aufstieg erhält, wird dadurch ausgegrenzt. Soziale Ausgrenzung aber ist der Nährboden für extreme Entwicklungen.» Dank des dualen Ausbildungssystems in der Schweiz sei hier die Gefahr zu solchen Tendenzen geringer. Zehnder wie Kessler plädierten dezidiert für Bildung und Aufklärung. In dieselbe Kerbe schlug Samuel Altishof von der Fachstelle für Gewaltprävention. Die Ausgangsfrage laute, wer die Täter seien. Und damit komme ihr soziales Umfeld in den Fokus.
Zur geforderten Aufklärung trägt auch das Cartoon-Museum bei. Dessen Leiterin, Anette Gehrig, betonte, dass Ausstellungen im Museum immer in einem Kontext stünden. Karikaturen müssten dem Publikum thematisch und kulturell eingebettet präsentiert werden. Gehrig verwies auf die Schweizer Satire-Tradition. Der «Nebelspalter» sei weltweit die älteste Zeitschrift dieser Art.
Alle Teilnehmenden auf dem Podium sprachen sich dafür aus, dass Satire auch verletzen dürfe, ja müsse. Die Politologin Elham Manea brachte den Aspekt des «Aushaltens» in die Runde. Satire müsse man aushalten können, was sowohl für die karikierte Person wie für die Betrachtenden gelte. Sobald die Frage der Grenze gestellt werde, entstehe das Problem, wo sie gesetzt werden solle, sagte Matthias Zehnder: «Egal, was und wen man karikiert, es wird sich immer ein Kreis finden, für den das Karikierte eine Heilige Kuh ist.» Wer aber karikiere, müsse dafür auch die Verantwortung tragen.
Beim Stichwort Verantwortung weitete sich das Diskussionsfeld aus. Die verschiedenen Krisenherde islamistischer Gewalt kamen ins Gespräch und die Frage der Verantwortung Europas. Und hier zeigte sich, dass diese nur so lange wahrgenommen wird, als die eigenen Vorteile nicht darunter leiden. Die Rolle von Katar und Saudi-Arabien kamen ins Spiel und zeigten die hohe Komplexität des Themas auf. Fazit: auch einen Monat nach den Anschlägen gibt es keine einfachen Erklärungen und Antworten. Eine wichtige Rolle spielen Bildung, Aufklärung und soziale Integration.




Zum Bild: Drehte sich nicht im Kreis: Die engagierten Beiträge von Podium und Publikum erbrachten einen Konsens, der auch für die Demokratie gilt: Andere Ansichten müssen ausgehalten werden. |Plüss

Franz Osswald

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