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Interview mit Petrus: «Schon wir waren uns uneinig»

01.01.2016
Petrus gilt als einer der treusten Jünger Jesu. Trotzdem musste der Apostel über seinen Schatten springen, um der christlichen Botschaft nicht im Weg zu stehen. Kein einfaches Unterfangen.

Shalom Petrus, in den Kirchen beschäftigen uns viele Fragen rund um die Ökumene. Weisst du Rat?
Petrus: Ob ich euch wirklich weiterhelfen kann, weiss ich nicht. In den letzten 2000 Jahren hat sich einiges geändert. Doch schon in unseren Anfängen gab es etliche Fragen, Unsicherheiten und Uneinigkeiten.

Was verstehst du unter Ökumene, Petrus? Wir denken, dass du diesbezüglich Erfahrungen hast.
Ökumene heisst für mich, dass jede und jeder eingeladen ist, Jesus nachzufolgen und mit anderen diese Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit in aller Vielfalt und Verschiedenartigkeit zu feiern und zu leben. Jesus Christus hat uns ja gezeigt, wie wir dies im Alltag leben können. So zum Beispiel die Tischgemeinschaft. Beim Abendmahl habt ihr meines Wissens ziemliche Meinungsverschiedenheiten.

Hast du eine derartige Gemeinschaft selbst erlebt?
Natürlich, und zwar von Anfang an. Wir bildeten einen bunten zusammengewürfelten Haufen von Frauen und Männern, die als Jüngerinnen und Jünger Jesu galten. Zwölf davon gehörten zum engsten Jüngerkreis. Ehrlich gesagt, war diese Zusammensetzung rein menschlich gesehen eine Katastrophe!

Wie meinst du das?
Nun ja, da waren Gewalttätige darunter. Ich denke an die «Donnersöhne» Jakobus und Johannes, an meinen Namensvetter Simon, den Zeloten, oder an Judas Iskariot, der Jesus verriet. In der Gefolgschaft waren Zöllner und ehemalige Prostituierte, zweifelhafte Gestalten, die andere Rabbis abgelehnt hätten.

Nicht gerade eine harmonische Gruppe.
Ja. Ausserdem hatte jeder von uns eigene Vorstellungen vom Mes­sias und vom Reich Gottes. Und jeder wollte der Grösste sein. Wir lagen uns manches Mal in den Haaren.

Wie ging Jesus damit um?
Er überraschte uns regelmässig mit Antworten, die wir nie erwartet hätten. Als wir uns stritten, wer wohl das Sagen in der Gruppe habe, stellte er ein kleines Kind als Vorbild in die Mitte. Einmal wusch er uns gar die staubigen Füsse. Mich berührte das peinlich.

Jesus hat euch die Füsse gewaschen?
Ja. Das war die Aufgabe der Sklaven. In der antiken Gesellschaft gab es strikte Rangordnungen und Rituale, die genau eingehalten wurden. Jesus kümmerte sich wenig darum. Er brachte uns mit seinen Handlungen nicht selten in Verlegenheit. Aber so brachte er uns Gottes Wesen nahe.

Habt ihr seine Botschaft verstanden?
Lange Zeit nicht. Ich hielt es zunächst für meinen Auftrag, nur den Juden zu verkünden, dass Jesus der Messias ist. Mit den Heiden wollte ich nichts zu tun haben. Gott zeigte mir in einer Vision von unreinen Speisen, dass ich nicht verbieten darf, was Gott rein gemacht hat. Gott wollte, dass auch die Griechen, Römer und andere zu seiner Familie gehören. Das machte mir anfangs schwer zu schaffen.

Wie steht wohl Gott zur Ökumene?
Durch die Begegnung mit dem römischen Hauptmann Kornelius wurde mir klar, dass Gott nicht die Person ansieht. Sondern in jedem Volk sind ihm die, die ihn fürchten und recht tun, angenehm. (Apg 10,34.35) Nicht die gehören dazu, die meinen Vorstellungen entsprechen und sich an meine Dogmen halten, sondern alle, die sich Gott anvertrauen und nach seinem Willen leben.

Petrus, das ist sicher richtig. Hättest du einen Tipp, wie wir mit unserem ökumenischen Konflikt umgehen können?
Geduldig sein. Dazu fällt mir der Rat des Pharisäers Gamaliel ein. Er sagte im Hinblick auf die neu aufkommende Christenbewegung: Ist dieses Vorhaben oder dies Werk von Menschen, so wirds untergehen. Wenn es jedoch Gottes Werk ist, werdet ihr nicht imstande sein, diese Bewegung zum Verschwinden zu bringen. Oder wollt ihr am Ende als solche dastehen, die gegen Gott kämpfen? (Apg 5,38.39)



Statue von Petrus vor dem Petersdom: «Wir bildeten einen bunten Haufen.» | zvg

Interview: Sabine Herold

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