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Jeder stirbt anders (3)

01.01.2016
In der alternden Gesellschaft wird die Begleitung von Schwerstkranken immer ­wichtiger. Die Seelsorgerinnen Heidi Müller und Claudia Jaun berichten im Rahmen der Wanderausstellung «Palliative Care», was Menschen am Lebensende beschäftigt.

Nicht nur leben, auch sterben will gelernt sein. So jedenfalls sah es Seneca vor 2000 Jahren. Ähnliches gilt heute für die Begleitung Schwerstkranker und Sterbender: Die sogenannte Palliative Care ist noch weitgehend ein Terrain vague. Die Vereinigung Palliative Zentralschweiz, ein Zusammenschluss von Ärzten, Pflegenden und seelsorgerisch Tätigen erkundet diesen neu entstehenden Bereich nun in einer Wanderausstellung. Am Projekt beteiligt sind Heidi Müller, reformierte Pfarrerin, und Claudia Jaun, katholische Theologin mit Master in Palliative Care. An einer gemeinsamen Abendveranstaltung wollen die beiden Frauen den Platz der Seelsorge in der palliativen Pflege darstellen.
«Viele Patienten machen sich ein falsches Bild von unserer Arbeit», benennt Claudia Jaun die Herausforderung, Sterbende und Angehörige zu erreichen. Vor allem jene, die wenig mit Kirche am Hut hatten: «Klar kommen Fragen nach den letzten Dingen auf. Aber nicht alle suchen Halt in der Religion», meint Heidi Müller.
Umso schöner sei es, wenn es gelinge, Vorbehalte abzubauen, zu zeigen, «dass wir nicht missionieren, sondern offen sind für die Bedürfnisse jedes Einzelnen, egal ob gläubig oder nicht». Damit baue die palliative Begleitung auch Brücken zu Kirchenfernen. Nicht wenige Angehörige fänden über die Sterbebegleitung wieder einen Bezug zur Kirche.

Einfach Tee miteinander trinken
Die beiden Seelsorgerinnen schöpfen aus eigener Erfahrung. Seit Jahren besuchen sie Sterbende in Spitälern und Heimen. Heidi Müller leitete lange einen Trauerkreis. Für ihren Abend in der Matthäuskirche haben die beiden zudem Gespräche mit Betroffenen und Pflegefachpersonen geführt. So gehe es neben der Kontaktaufnahme zu Patienten und Angehörigen auch darum, das Personal für das kirchliche Angebot zu sensibilisieren: Ärzten und Pflegenden fehle es noch oft um das Wissen, wo oder wie seelsorgerische Begleitung die Patienten abholen kann. «Klar kann auch eine Ärztin oder ein Pflegender tröstende Worte finden. Aber oft ist der Alltag im Spital oder Heim zu hektisch», meint Müller. «Wir haben genau diese Zeit für jeden Einzelnen und jede Einzelne», so Jaun. Und Müller pflichtet bei: «Ich erinnere mich an eine Angehörige. Sie bat mich, einen Tee mit ihr zu trinken. Das haben wir gemacht. Einfach Tee zusammen getrunken.» Zeit für den Einzelnen ist es, was Seelsorge bietet. Und die Möglichkeit, mit Ritualen oder im Gebet Überzeitliches zu erfahren. «Das Spirituelle ist unser wichtigstes Angebot», so Claudia Jaun, «wenn ich einem Menschen den Segen erteile, dann ist plötzlich etwas Grösseres im Raum. Dieses Ritual gibt dem Sterbenden Kraft.»
Einen Tee trinken, eine rituelle Geste, einfach zuhören. Jede und jeder stirbt anders. «Die Seelsorge geht auf die individuellen Bedürfnisse der Sterbenden ein», so Müller. Und ist damit unverzichtbarer Teil der palliativen Pflege. Davon sind die beiden Frauen überzeugt.




Wander­ausstellung
Die Wanderausstellung «Palliative Care» ist zwischen dem 21. Februar und 3. April an verschiedenen Orten in der Zentralschweiz zu sehen. Vom 23.27. März gastiert sie in der Luzerner Matthäuskirche. Am 24. März um 19.30 Uhr leiten Heidi Müller und Claudia Jaun den thematischen Abend «Fürchte dich nicht.
Ich bin mit dir (Jesaia)» zur Seelsorge in der Palliativen Pflege. Eintritt frei.

Susanne Leuenberger

Links:
Mehr Infos zur Ausstellung: www.palliative-zentralschweiz.ch


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