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Wers glaubt, ist selig

01.01.2016
ihr fragt wie ist die auferstehung der toten? ich weiss es nicht ihr fragt wann ist die auferstehung der toten? ich weiss es nicht ihr fragt gibts eine auferstehung der toten? ich weiss es nicht ihr fragt gibts keine auferstehung der toten? ich weiss es nicht ich weiss nur wonach ihr nicht fragt: die auferstehung derer, die leben ich weiss nur wozu Er uns ruft: zur auferstehung heute und jetzt Kurt Marti, leichenreden, Neuwied und Berlin 1969, S. 25

Ostern Feier der Auferstehung

Im Zentrum unseres Christenglaubens steht das Osterfest, die Feier der Auferstehung. Aber während an den anderen hohen Festen der Christenheit jeweils etwas Sichtbares, Greifbares im Mittelpunkt steht ein Kind, in die Krippe gelegt, ein Gehenkter am Kreuz , findet sich an Ostern eine Leerstelle: Ein leeres Grab.

Unbegreiflich ist die Auferstehung. Das erste ­Osterlied singt:
Verschlungen ist der Tod in den Sieg.
Tod, wo ist dein Sieg?
Tod, wo ist dein Stachel?
Der Stachel des Todes ist die Sünde,
die Kraft der Sünde ist das Gesetz.
Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt
durch unseren Herrn Jesus Christus!
1 Kor 15, 5457



Wenn aber eins todsicher ist, dann der Tod. Kein Lebendes entzieht sich ihm, dem allemal erlittenen und Millionen Mal zugefügten und verbreiteten. Es gehört zum Wesen jedes Lebenden, dass es wird und vergeht, seine Zeit hat, seine Geburt und seinen Tod. Unvorstellbar, widersinnig ein Leben, das nicht reift und dahingeht, das keinen Anfang nimmt und zu keinem Abschluss kommt, sich nicht vollendet, nicht seine Begrenzung und Einmaligkeit in sich trägt.

Was feiern wir an Ostern, wenn wir singen, dass der Tod Stachel und Sieg verloren hat?
Das Unvorstellbare, Unfassbare, die Entmachtung des Todes hat Johann Peter Hebel in seinem Gedicht «die Vergänglichkeit» in folgender Weise bildhaft ausgedrückt: Ein Aetti ist mit seinem Bub nachts auf der Strasse nach Basel zwischen Steinen und Brombach unterwegs. Vor ihren Augen taucht die Burg-Ruine Rötteln auf als Mahnmal der Vergänglichkeit. Mit dramatischen Worten schildert der Aetti das Weltende als apokalyptischen Weltenbrand, der auch die «grosse, tolle» Stadt Basel zur Ruine machen wird. Der Bub fragt angstvoll, wo in dem Brand die Menschen blieben. Der Aetti antwortet:
«DLüt sin nümme do, wenns brennt, sie sin
wo sin si? Seig du fromm und halt di wohl,
geb, wo de bisch, und halt di Gwisse rein!
Siehsch nit, wie dLuft mit schöne Sterne prangt?
Sisch jede Stern verglichlige ne Dorf,
und witer obe seig e schöni Stadt,
me sieht si nit vo do, und haltsch di guet,
so chunsch in so ne Stern, und sisch der wohl,
und findsch der Aetti dört, wenns Gottswill isch, und sChüngi selig, dMuetter . . .»

Hebel redet bildhaft von der Auferstehungshoffnung. Anders als in Bildern, in Gleichnissen, kann man vom Unvorstellbaren nicht reden. Hebels Aetti versetzt die irdische Strasse nach Basel, die er mit seinem Bub zwischen Steinen und Brombach geht, auf die Milchstrasse, in die himmlische Sternenwelt. Sie ist Bild des Ziels aller Menschenwege, Bild des Unvergänglichen, Bleibenden, des Trostes und der Erfüllung.
Hebels Bild verliert seine Poesie und wäre konkretistisch missverstanden, wenn wir daraus eine Fortsetzung unseres Erdenlebens in galaktischen Gefilden lesen. Zu unserm irdischen Dasein gehört, dass es seine Zeit hat. Die Ewigkeit ist keine unendliche Fortsetzung dieser unserer Erdenzeit. Sie ist ihre Erfüllung, ihr Gericht und ihre Rettung, ihre Versöhnung. Ewigkeit als Zeit Gottes lernen wir nicht erst am Ende unserer Tage kennen. Sie bricht ein in unsere Zeit, heute, wo wir unsern Tag als erfüllt, unser Dasein in all seiner Brüchigkeit und Fragwürdigkeit unter Gottes Gericht gestellt und gerade da als gerechtfertigt, von Gott gutgeheissen erfahren und, in Berufung auf Gottes Gnade, dieses unser geschenktes Leben in Verantwortung gestalten. Da hat der Tod Stachel und Sieg verloren.
Es ist darum kein anderes, späteres oder gar wiederholtes Leben, das der Aetti seinem Sohn in Aussicht stellt, sondern dieses hier gelebte Leben in einem neuen Licht gesehen. Hinabblickend von der Sternenstrasse auf den Erdenweg lässt der Aetti seinen Bub sagen:
«Lueg, dört isch dErde gsy, und selle Berg
het Bölche gheisse! Nit gar wit dervo
isch Wisleth gsi, dört hani auch scho glebt,
und Stiere gwettet, Holz go Basel gführt,
und brochet, Matte graust, und Liechtspöh gmacht,
und gvätterlet, bis an mi selig End,
und möchte jetzt nümme hi . . .»

Religions- und Kirchensoziologen unserer Tage meinen, den Glauben unserer Mitmenschen messbar erfassen zu können, wenn sie nach ihren Vorstellungen von dem fragen, was nach unserm Tod kommt. Unter dieser Sichtweise erscheinen die Anhänger der Reinkarnationslehre als die eigentlichen Glaubenden. Das grosse Missverständnis dabei ist, dass für den christlichen Auferstehungsglauben die Ewigkeit nicht nach dem Zeitmass unserer ablaufenden irdischen Zeit tickt, auch nicht dass grosse «Nach» dieser unserer Erdenzeit ist, sondern deren Urteil, Trost und Erfüllung.

Georg Vischer

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Georg Vischer, Pfarrer und ehemaliger Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt.


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