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Gottesdienst im Schlafzimmer (1)

01.01.2016
Für Pierre Stutz sind Liebe und Leidenschaft spirituelle Quellen. Wer dies erkennt, erfahre eine tiefere Erotik. Die Welt brauche Zärtlichkeit, ist der ehemaliger Priester überzeugt. Interview Tilmann Zuber

Pierre Stutz, wie kommt ein ehemaliger Klosterbruder dazu, einen Ratgeber über die Sexualität zu schreiben?
Das Thema Sexualität ist so existenziell, dass ich seit langem eine erotische Spiritualität entwerfen wollte, die Mut macht, Eros als eine göttliche Kraft zu entdecken. Am Evangelischen Kirchentag in Köln im Jahre 2007 hatte ich den Auftrag, das biblische Hohelied der Liebe zu aktualisieren. Die Resonanz war so gross, dass ich drangeblieben bin. Sicher auch, weil es für mich im Übergang von einem zölibatären Leben zu einem Leben in einer Partnerschaft wichtig war, aufzuzeigen, dass Gott sich in der erotischen Kraft der Liebenden ereignet.

Sexualität und Spiritualität gehören für Sie zusammen. Warum?
Auf jeden Fall. Das Religiöse und das Geschlechtliche sind unsere stärksten Lebenskräfte. Wer sie trennt, der sät Zwiespalt in der Seele. Friedrich Nietzsches Worte sind immer noch aktuell: «Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken, er starb zwar nicht daran, sondern entartete zum Laster.» Mir ist es wichtig, dass das Wort nicht nur mit Eroscenter in Verbindung gebracht wird, weil Eros uns lebenswichtige Glücksmomente schenkt, in denen wir voll da sind und ganz weg. Damit meine ich nicht nur genitale Erfahrungen, sondern all jene Erfahrungen, in denen ich leidenschaftlich in meinem Element bin, in Kontakt mit meinem inneren Feuer, dem «feu sacré».

Mit der Leidenschaft steht es ja nicht zum Besten: Viele klagen, dass im Bett nicht mehr viel passiert, trotz sexueller Revolution. Was ist los, dass wir immer weniger zusammenfinden?
Zum Glück haben sich viele befreien lassen zu einer mündigen, verantwortungsvollen und lustbetonten Gestaltung der Sexualität. Zugleich bleibt eine Spannung bestehen, weil unsere Welt übersexualisiert ist. Denken Sie an die ganze Werbung, die uns nur coole, erotische Menschen zeigen. Dies erzeugt, auch bei Jungen, einen oft unbewussten Leistungsdruck, immer geil zu sein. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus, weil es gerade in der Sexualität um die Gabe der Intimität und des Authentischseins geht, damit ich mich hingeben kann, wie ich wirklich bin: kraftvoll und verletzlich.

Sie fordern mehr Zärtlichkeit im Alltag und Leben. Wie würden wir die Gesellschaft dadurch verändern?
Jeden Tag engagiere ich mich für eine Welt, die anders werden kann, zärtlicher und gerechter. Darum ist mein Plädoyer für eine erotische Spiritualität höchst politisch. Zärtlich, mitfühlend mit sich selbst, mit anderen, mit Tieren und der Schöpfung unterwegs zu sein, ist
ein Widerstands- und Auferstehungsakt, der sich weigert, andere als
Objekt meiner Lust zu sehen. Zärtlichkeit als Lebensgrundhaltung
fördert einen einfachen Lebensstil, weil ich mehr und länger auskosten und geniessen kann und weniger konsumieren muss. Wir können viel mehr tun, als wir meinen. So banal es tönt: Ein Lächeln kann eine verkrampfte Situation verwandeln.

Für eine solche Lebenshaltung fordern Sie eine Langsamkeit. Kommt jetzt nach dem Slow Food der Slow Sex?
Spirituelle Menschen üben die Achtsamkeit in ihrem Leben ein, damit sie nicht gelebt und nicht verbogen werden. Jeden Tag werden wir subtil geimpft, dass alles schneller gehen muss und dass wir eh keine Zeit haben. Diese Diktatur der Machbarkeit erschwert intimes, wild-leidenschaftlich-langsames Begegnen. Dorothee Sölle hat schon 1985 in ihrem hochaktuellen Buch «lieben und arbeiten» darauf hingewiesen, dass unsere Sexualität an Kraft verliert, wenn wir konditioniert sind auf die Maxime «Zeit ist Geld» und wenn durch eine Überidentifizierung auf Leistung keine freie Zeit mehr für die Liebe bleibt.

Schadet der moderne Lebensstil unseren Beziehungen?
Heute, wo wir auch in den Ferien online sein sollten, besteht die Gefahr, dass lustvolle Begegnungen vertrocknen. «Slow Sex» empfehlen ja Sexologen, die in ihrer Beratungsarbeit entdecken, dass viele nicht mehr tief ein- und ausatmen können. Da sind wir mitten in einer spirituellen Frage, weil «spirare» atmen bedeutet. Darum finden sich in meinem Buch auch kleine Rituale, die helfen können, unseren Leib «als Tempel des heiligen Geistes» zu erfahren, auch als Ort der Gottesbegegnung.

Ist die Sexualität ein Geschenk Gottes?
Unsere Lebensaufgabe besteht darin, jeden Tag neu zu danken für das Geschenk des Lebens. Auf der ersten Seite der Bibel steht mit aller Klarheit, dass uns ein grosser Segen bewohnt. Auch die Sexualität ist ein grosses Geschenk des Himmels. Wir können darin wie in all unseren Talenten unserer Tendenz des Habenwollens begegnen. Echte Begegnung und Liebe ist nie zu haben. Das Wesentliche ist immer ein Geschenk und Gnade. Darum mache ich Paaren Mut, ihre Sexualität als Segen zu feiern. Ich nenne dies erotische Gottesdienste im Schlafzimmer!

Apropos Gottdienst. Gerade die katholische Kirche gebärdet sich doch teilweise lustfeindlich. Warum?
Eine komplexe Frage. Weil die Erotik so eine starke Kraft ist, entsteht eine Tendenz, sie zu verteufeln. Doch dann sind wir verloren. Das biblische Hohelied der Liebe, das ich in über vierzig Meditationstexten aktualisiert habe, ermutigt zu einer geglückten Integration des Erotischen im Beziehungsgeschehen. Einen Zusammenhang sehe ich in der noch anstehenden Frage der Gleichberechtigung. Dass Frauen in der katholischen Tradition nicht gleichberechtigt Zugang zu Ämtern haben, konkret Priesterinnen werden können, sehe ich als Folge, dass Körperlichkeit angstbesetzt ist. Die Freiheit und Mündigkeit des Einzelnen wird noch zu wenig anerkannt und man will die Macht nicht teilen.

Der Vatikan befragt die Gläubigen zurzeit zum Thema Sexualität und Partnerschaft. Was erwarteten Sie von dieser Umfrage?
Der Graben zwischen offiziellen Lehrmeinungen und einer Mehrheit der Menschen, die in Pfarreien mitgestalten, wird immer grösser. Die katholische Kirche irrt, wenn sie wiederverheiratete Geschiedene und gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde darstellt. Darum kämpfe ich mit vielen für eine offene, ökumenische Kirche. Da dank der offenen Gesprächskultur von Papst Franziskus die Meinungsverschiedenheit unter den Bischöfen sehr gross ist, kann es sein, dass die Hardliner sich nochmals durchsetzen und eine Sexualethik, die Menschen wirklich eine Lebenshilfe ist, verhindern. Trotzdem kämpfe ich weiter, auch wenn ich die Früchte vielleicht nicht selber ernten kann.



Pierre Stutz ist katholischer Theologe und Autor.
1994 initiierte er zusammen mit den Frères des Écoles Chrétiennes von Fontaine-André ein «offenes Kloster», eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, auch verheirateten, die miteinander leben und eine Spiritualität im Alltag suchen. 2002 legte Stutz sein Priesteramt nieder, weil er seine Homosexualität leben wollte. Seine Bücher erreichen eine Auflage von einer Million und wurden in sechs Sprachen übersetzt.

Pierre Stutz, Deine Küsse ver­zaubern mich, Liebe und Leidenschaft als spirituelle Quelle, ­Herder, 14.50 Franken

Zum Bild: Der Kuss. Von Auguste Rodin



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