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«Wir brauchen dringend eine digitale Ethik»

01.01.2016
Computer und Online erobern die Welt. Da die Technologie keine Ethik kennt, müssen wir Regeln und Standards für menschliches Handeln in der digitalen Welt entwickeln, fordert der Zukunftsforscher Gerd Leonhard.

Was kürzlich noch Science-Fiction war, ist heute Realität. Via Skype kann ich in meiner Muttersprache mit einem Chinesen reden alles wird simultan übersetzt. Sind wir schon in der Zukunft angekommen?
Ja, bald wird fast alles technisch möglich sein. Es geht bereits heute nicht mehr darum, wie und ob etwas machbar ist, sondern vielmehr darum, warum und wie wir etwas nutzen sollen. Die gigantische Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die wir heute erleben, wird auch unsere Werte beeinflussen. Eine der Fragen, mit denen wir uns deshalb beschäftigen müssen, wird sein: Wer soll die ethischen Fragen und humanen Prinzipien in der digitalisierten Welt definieren?
Welche Veränderungen sehen Sie in den nächsten Jahren voraus?
Technologie wird immer intelligenter. Gleichzeitig lagern wir zunehmend unsere Gehirne aus und lassen Computer für uns Entscheidungen fällen, zum Beispiel beim Reisen mit Tripadvisor, beim Shoppen, bei der Beurteilung durch den Arbeitgeber oder im Spital. Da Technologie keine Ethik kennt, ist dies problematisch. Google und Facebook wissen schon heute genau, was wir morgen mögen und was nicht, und machen uns beispielsweise Einkaufsvorschläge.

Das sei praktisch, sagen viele . . .
. . . ja, aber es macht uns unmündig, wenn wir uns nur noch auf Technik verlassen und nicht mehr selber denken. Diese kann Himmel und Hölle gleichzeitig sein. Dank Gesundheitstrackern beispielsweise bewegen wir uns mehr und sind gesünder. Bloss: Was, wenn die Krankenkasse plötzlich unseren Lebensstil überwachen will? Die mobilen Geräte der Zukunft in der Schweiz haben über 4,3 Millionen Menschen ein internetfähiges Smartphone verfügen über intelligente Software. Dies hat auch unerwünschte und unbedachte Konsequenzen. Das Internet ist nicht wirklich gratis. Während wir uns durch die digitale Welt bewegen, geben wir persönliche Daten von uns preis, die systematisch abgebaut werden oft so, dass es für uns nicht erkennbar ist. Private Unternehmen und staatliche Organisationen nutzen diese Daten, weil sie es können, nicht, weil wir ihnen dazu die Erlaubnis gegeben haben. Das Datensammeln ist ein internationaler Wachstumsmarkt. Diese Überwachung stellt eine tiefe, persönliche, materielle, soziale und politische Verletzung dar, die wir erst langsam begreifen.

Können Sie uns ein Beispiel geben?
Google verfolgt jeden unserer Schritte, Klicks und E-Mails. Das kön-
nen wir nachverfolgen. Die Suchmaschine weiss dank GPS in unseren Handys immer, wo wir sind und kennt uns oft besser als unsere Partner oder unsere Familien. Das gilt auch für andere digitale Dienste. Die Informationen über uns werden in der Daten-Wolke gespeichert und bergen die Gefahr des Missbrauchs. Mit den Möglichkeiten der intelligenten Verknüpfung und Analyse von Daten lassen sich unsere Wege, Gewohnheiten und Vorlieben erkennen. Bereits heute werten Versicherungen in den USA die Facebook- und Twitter-Einträge von Kunden aus, um deren Risikoprofil zu erstellen. Wenn jemand eine Seite auf Facebook «liked», lässt sich zum Beispiel mit 85-prozentiger Sicherheit seine politische Einstellung berechnen.

Was entgegnen Sie denjenigen, die sagen: Ich habe nichts zu verbergen.
Jeder hat etwas zu verbergen, denn das ist menschlich. Wir haben alle schlechte Angewohnheiten oder einmal geschummelt. Wir sind komplexe Wesen und funktionieren nicht nach dem Gut-schlecht-Prinzip Das tun nur Maschinen.

Trotz allem erfreut sich zum Beispiel Facebook in der Schweiz mit über dreieinhalb Millionen Nutzern ungebrochener Popularität.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagte schon im Jahr 2010 voraus, dass Privatsphäre bald keine soziale Norm mehr sei. In Zeiten, in denen Menschen ihre Privatsphäre freiwillig in omnipräsenten Netzwerken aufgeben, hat sich seine Prophezeiung erfüllt. Viele Menschen sind sich nicht bewusst, was mit ihren Bildern, Gewohnheiten und Informationen, die sie leichtfertig preisgeben, geschehen kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn wir Fotos von unseren Kindern auf Flickr hochladen, erwarten wir nicht, dass diese plötzlich als Gesichter auf Kaffeetassen auftauchen, die auf einer Internetseite verkauft werden. Wollen wir solche Übergriffe auf die Privatsphäre wirklich zulassen?

Sind wir der Technologie hilflos ausgeliefert?
Nein, man kann zum Beispiel das Webtracking im Browser ausschalten. Dazu muss man allerdings wissen, wie. Webseitenbetreiber müssten ihre Besucher transparent über den Einsatz von Webtracking und die Datenanalyse informieren. Dies kann zum Beispiel mit einer Datenschutzerklärung erfolgen. Fehlt diese, liegt eine Verletzung des Datenschutzgesetzes vor. Meist sind die Datenschutzerklärungen so kompliziert formuliert, dass sie die Nutzer nicht verstehen. Unsere persönlichen Daten sind schutzbedürftig.

Was müsste Ihrer Ansicht nach getan werden?
Der Schweizer Datenschutz ist wenig wirksam, da die Server von Google und anderen Internetfirmen in den USA liegen, wo es kaum Datenschutz gibt, der über einen eng gefassten Privatbereich hinausgeht. Deshalb braucht es eine globale Regelung dessen, was erlaubt sein soll und was nicht. Natürlich kommt es immer darauf an, wer die ethischen Standards setzt. Doch gibt es in dieser Frage heute kein Schwarz oder Weiss mehr. Wir müssen Grundsätze für ein moralisches Handeln in einer digital komplett vernetzten Welt entwickeln. Deshalb braucht es eine Diskussion um den Schutz von Privatsphäre, digitale Identität und Transparenz. Die Menschheit muss sich grundsätzlich Gedanken machen, wie sie mit der Macht und Reichweite von technologischen Plattformen wie zum Beispiel Facebook, Google, Amazon und Alibaba in Zukunft umgehen soll.

Sind Sie optimistisch für die Zukunft?
Die Snowden-Affäre im Jahr 2013 war ein Schlüsselerlebnis für mich. Der Skandal zeigte auf, dass die gewaltige neue Macht des Internets auch tatsächlich unethisch ausgenutzt wird. Seitdem bin ich wesentlich kritischer, was die Technologisierung betrifft. Trotzdem bin ich Optimist. Wir dürfen aber nicht den kritischen Blick in die Zukunft verlieren die Weichen werden jetzt gestellt. Technologie kann ein Segen sein, aber wenn wir jetzt nichts tun, kann sie zur Bedrohung werden.


Gerd Leonhard: Vom Theologen zum Zukunftsberater
Nach seinem Theologiestudium in Bonn zog Gerd Leonhard in die USA, wo er als Musiker erfolgreich war. Vom Internet-Virus infiziert, war er später als digitaler Unternehmer ­tätig. 2003 liess er sich in Arlesheim/BL nieder und schrieb den Bestseller «The Future of Music». Heute hilft der Futurist Unternehmen, Organisationen und Institutionen, die Trends der Zukunft zu erkennen und zu erschliessen. Der 53-Jährige ist einer der weltweit führenden Zukunftsberater und zu seinen Kunden gehören Unternehmen wie zum Beispiel Universal Studios, BBC, Microsoft, IBM und die Europäische Kommission ebenso wie Schweizer KMU.


Zum Bild: Zukunftsforscher Gerd Leonhard: «Wir lagern zunehmend unsere Gehirne aus und lassen Computer für uns
Entscheidungen fällen.

Philippe Welti

Links:
www.gerdleonhard.ch


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