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Die Reformation war Geburtshelferin der Neutralität (1)

01.01.2016
Zurzeit streiten bürgerliche Politiker und Historiker über den Ursprung der Schweizer Neutralität. Oftmals übersehen sie dabei, wie entschei-dend die Reformation bei dieser Entwicklung war. Die Schweiz, ein Sonderfall.

700 Jahre Schlacht bei Morgarten, 500 Jahre Schlacht von Marignano und 200 Jahre Wiener Kongress. 2015 häufen sich die Jubiläen der Schweizer Geschichte. Mit den Feierlichkeiten ist auch Streit darüber ausgebrochen, welche Bedeutung diese Ereignisse für die Entstehung der Eidgenossenschaft haben. Auf der einen Seite proklamieren bürgerliche SVP-Exponenten wie Christoph Blocher die verheerende Niederlage der Eidgenossen in Oberitalien als Geburtsstunde der Neutralität. Auf der anderen Seite weist die Riege der universitären Historiker diese These ins Reich der Mythen. In seinem Buch «Schweizer Heldengeschichten» ortet der Historiker Thomas Maissen die Entstehung der Neutralität am Anfang des 19. Jahrhundert, als die europäischen Mächte sie der Schweiz im Wiener Kongress gewährten.

Bestialisch, siegreich und übermütig
Im 15. Jahrhundert ringen Habsburg, Frankreich, der Papst und Venedig um die Vorherrschaft in der Lombardei mit seiner reichen Wirtschaftsmetropole Mailand. Mit dabei die Eidgenossen, die mehr und mehr als eigene Kriegsmacht auftreten und sich mit ihrer Brutalität und ihrer Beutegier einen Namen machten. «Bestialisch, siegreich und übermütig», bewundert sie der Philosoph Machiavelli. In den meisten Heeren Europas stehen die Söldner aus den 13 Orten der Eidgenossenschaft im Dienst.
Im September 1515 treffen die Eidgenossen und Franzosen in der Schlacht bei Marignano aufeinander. Bewaffnet mit Langspiessen und Hellebarden werden die Eidgenossen von der Artillerie der Franzosen aufgerieben und vernichtend geschlagen.
Mit dabei der junge Leutpriester Huldrych Zwingli, der die Glarner Truppen ins Feld begleitet. Die Katastrophe erschüttert den Geistlichen tief und macht ihn zu einem dezidierten Gegner des Solddienstes und der Abhängigkeit von auswärtigen Zahlungen.
In der Heimat löst die verheerende Niederlage Unruhen aus. In der Zürcher Landschaft erheben sich 3000 Bewaffnete und ziehen in die Limmatstadt. Hunderte ihrer Söhne seien in Oberitalien gefallen, während die Herren in Zürich durch das Söldnerwesen reich wurden, protestieren sie. Im «Lebkuchen-Krieg» plündert das Landvolk die Marktstände. Eingeschüchtert gibt der Kleine Rat nach und beschliesst, dass «künftig niemand zu irgendeinem Herren reislaufe, reite oder gehe».
Als Huldrych Zwingli 1519 Priester am Zürcher Grossmünster wird, wettert er sofort gegen die Reisläuferei und das Pensionswesen. Er geisselt den damit verbundenen Sittenzerfall und die Laster wie Ehebruch, Hurerei, Prahl- und Verschwendungssucht. Seine Predigten zeigen Folgen: Zürich hält sich 1521 vom französischen Soldbündnis fern, dem sonst fast alle Orte beitreten. Zwingli begründet diesen Schritt nicht in erster Linie als Pazifist, sondern als besorgter Realpolitiker. Die Gefahren, die solche Verbindungen mit fremden Potentaten für die Eidgenossenschaft bringen, seien gross, schreibt der Reformator. Nicht nur weil das Kriegen an sich Gottes Zorn über das Volk herabrufe, sondern auch weil Bestechungsordnungen die eidgenössische Rechtsordnungen gefährdeten, weil verderbliche Sitten eingeschleppt würden, Neid, Treulosigkeit und Unzufriedenheit entstünden und es gebe keine Gewähr dafür, dass man zuletzt nicht doch einem fremden Machthaber in die Hände falle.
Das reformierte Zürich hielt auch nach Zwinglis Tod an der Ablehnung der Reisläuferei fest. Mehr noch. In seinem Buch «Zwinglis langer Schatten» zeigt der Kirchenhistoriker Christian Moser, wie sich die Reformierten in der Eidgenossenschaft aus allen konfessionellen Händeln heraushielten. Als der Landgraf Phillip von Hessen bei Zürich um Hilfe gegen die katholischen Heere ersuchte, lehnte dies Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger ab. Er brachte die spätere Neutralität auf die Formel: «Wenn wir euch nun offen zuziehen, wird die Gegenseite, deren Macht nicht klein und auch nicht zu unterschätzen ist, ohne Zweifel euren Gegnern zu Hilfe eilen.»

Angewiesen «still zu sitzen»
Auch wenn Schweizer Söldner noch Jahrhunderte lang auf den Schlachtfeldern Europas kämpften, so sorgte die Reformation dafür, dass sich die Eidgenossenschaft «neutral» verhielt. Der neue Glaube hatte das Land geteilt, sodass die Eidgenossenschaft nach 1515 keine gemeinsame Aussenpolitik mehr machte, schreibt der Historiker Thomas Maissen. Das habe nichts mit Marignano zu tun, sondern mit der Reformation. Bündnisse waren damals immer konfessionell begründet und das funktionierte in einem konfessionell gespaltenen Land nicht mehr. Aus Uneinigkeit verpflichtete man sich zur Zurückhaltung und zum «still sitzen», wie es im jüngeren Bundesbrief heisst.
«Der Konfessionsstreit zwang die Kantone, sich aus den Religionskriegen in Europa herauszuhalten, um nicht die Allianzen untereinander zu gefährden», erklärte Bundesrat Alain Berset kürzlich in der «Schweiz am Sonntag». Dieses «Stillsitzen» sei für die Entwicklung der Neutralität von entscheidender Bedeutung gewesen. «Die Alten Eidgenossen waren da klug und pragmatisch. ­Eine grosse Leistung.»


Zum Bild: Eidgenössische Neutralität auf einer Ofenkachel für das Zürcher Rathaus 1698: Der schlaue Fuchs geht auf Distanz zu den humpelnden Löwen.

Tilmann Zuber


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