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«Eine Carte blanche für die Fortpflanzungsmedizin»

01.01.2016
In der Abstimmung vom Sonntag nahmen die Schweizerinnen und Schweizer den Verfassungsartikel zur Präimplantationsdiagnostik PID an. Damit habe man den Embryonenschutz aufgegeben, meint Frank Mathwig, Theologe und Ethikbeauftragter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK.

Herr Mathwig, die Zustimmung zur Verfassungsänderung zur PID fiel mit 61,9 Prozent deutlich aus. Überrascht Sie das?
Überhaupt nicht. Ich habe damit gerechnet, dass die Vorlage angenommen wird. Für Nichtfachleute war sie kaum zu durchschauen. Die Diskussion im Vorfeld hat gezeigt, dass das eigentliche Thema der Abstimmung nicht zur Sprache kam.

Wo lief die Diskussion falsch?
Die Befürworter vermittelten der Bevölkerung, dass die Verfassungsänderung die Möglichkeit bietet, Paaren zu helfen, eine Erbkrankheit nicht an ihre Kinder weiterzugeben. Das war der emotionale «Kick», auf den die Befürworter gesetzt haben. Im Grunde genommen bedienen sie das alte medizinische Bild: «Wir wollen ja nur helfen.» Aber darum ging es nicht. Die Politik und die Interessenvertreter aus der Fortpflanzungsmedizin haben verschwiegen, dass der neue Verfassungsartikel den bisherigen Embryonenschutz aus der Verfassung kippt. Zudem hat der Gesetzgeber umgestellt von der Ermöglichung einer Schwangerschaft auf eine Carte blanche für die Fortpflanzungsmedizin. Darum sagte der Kirchenbund ja zur PID in einem begrenzten Rahmen, aber nein zur vorgeschlagenen Verfassungsrevision.

Wäre es nicht besser gewesen, der Kirchenbund hätte ein klares Nein empfohlen?
Das Parlament hat immer wieder behauptet, es gehe ihm um den Embryonenschutz. Mit dem Ja zur Verfassungsänderung ist dieser verschwunden. Darüber gab es keine öffentliche Diskussion. Hier ist der SEK nicht durchgedrungen. Die Korrekturmöglichkeiten beim Fortpflanzungsmedizingesetz sind beschränkt. Ist der Embryonenschutz erst einmal aus der Verfassung gefallen, kann er auch mit einem Referendum nicht mehr zurückgeholt werden. Insofern erscheint mir die Diskussion, die jetzt folgt, nicht mehr massgeblich. Die entscheidenden Punkte hat man verpasst.

Was bedeutet das für die Gesellschaft in der Schweiz?
Falls der Bundesrat betroffenen Paaren den Zugang zur PID ermöglicht, handelt es sich um 80 bis 120 Paare. Das ändert gesellschaftlich nichts. Aber man hat die Tür für die Fortpflanzungsmedizin enorm weit aufgestossen. Es wird Schritt für Schritt weitergehen. Dahinter stehen knallharte ökonomische Interessen. Als Nächstes wird das Parlament über die Eizellenspende diskutieren, dann über die Leihmutterschaft und schliesslich auch über die Forschung an überzähligen Embryonen.

Was befürchten Sie?
Das ist schwierig abzuschätzen. Betrachtet man die Situation in Ländern, die eine liberalere Gesetzgebung haben als die Schweiz, fällt auf, dass der «Fortpflanzungs-Tourismus» dadurch nicht verhindert wird. Das zu erreichen, war jedoch das starke Argument, das in der politischen Diskussion vor der Abstimmung auftauchte. In Schweden, wo die Eizellenspende erlaubt ist, reisen die Paare nach wie vor nach Spanien oder Osteuropa. Dort ist es nicht nur billiger, sondern die Paare haben Optionen, die ihnen die schwedische Rechtslage nicht einräumt. Sie können sich etwa die Eizellen anhand differenzierter Daten über die genetischen Eigenschaften der Spenderin aussuchen.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Zum Bild: Frank Mathwig
ZVg / SEK

Interview: Karin Müller / kirchenbote-online.ch / 15. Juni 2015


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