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«Wir lieben die Skandale»

01.01.2016
Klaus J. Stöhlker unterstützte den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter bei dessen Wiederwahl. Der PR-Berater über Fifa, Macht, Geld und das Mediengeschäft.

Herr Stöhlker, in den letzten Wochen konnte man Schlagzeilen wie «Hau ab Sepp Blatter!» lesen. Und der Fifa-Präsident wurde mit einem Mafia-Boss verglichen. Fakt ist, Joseph Blatter wurde nie strafrechtlich belangt. Warum wird eine Person von den Medien und der Gesellschaft vorverurteilt?
Der Walliser Sepp Blatter, der seit 40 Jahren für die Fifa arbeitet, wurde auf einer Erfolgswelle nach oben getragen, weil er den Weltfussball begründet hat. In der gleichen Zeit war die Kommunikation nur ein Nebengeschäft. Jetzt ist die Welt darauf aufmerksam geworden, dass die Fifa ein Milliarden-Unternehmen ist, das alle vier Jahre fünf Milliarden Dollar umsetzt. Das Interesse ist gross, die Fifa unter Kontrolle zu bringen.

Das allein kann doch nicht der Grund sein?

Die Fifa ist ein glänzendes Geschäft. Man begreift erst jetzt, dass hier enorme Summen fliessen und sich Vertreter einzelner Kontinente im Rahmen der komplizierten Fifa-Struktur auf eine Art bereichert haben, die in unserem Kulturbegriff als unanständig gilt.

Im Neuen Testament erklärt Jesus: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Menschen zu «steinigen» scheint Teil des Mediengeschäfts.

Dieses Steinewerfen hat damit zu tun, dass wir in einer hysterischen Zeit leben, die durch Medien und Marketing zusätzlich angeheizt wird. Die Gesellschaft will nicht einfach das Gute hören. Das Gute ist langweilig. Die Öffentlichkeit will sehen, wie Throne aufgerichtet werden und Throne zusammenbrechen. Sie liebt Skandale über alles, um sich zu spüren. Wir sind süchtig nach Skandalen. In diesem Fall trifft es Sepp Blatter.

Die Vorverurteilung beruht auf einem moralischen Anspruch. Man erwartet vom Sport Fairness.

Richtig. Im Fall Fifa ist die amerikanische Justiz mit einem gewaltigen moralischen Anspruch angetreten, um einen Vorfall zu beurteilen, der sich in den USA abgespielt hat. Auslöser ist wenn es belegt wird , dass eine amerikanische Marketingagentur lateinamerikanische Fifa-Offizielle bestochen hat. Aus diesem Kern leitet sich alles andere ab. Die Amerikaner haben letztlich einen Machtanspruch. Einige Kommentatoren vertreten die Ansicht, die USA benutzen ihre Justiz, um ihre Ansprüche als Weltmacht zu unterstützen, weil sie heute nicht mehr in der Lage sind, grosse Kriege zu führen.

Zurück zur Bibel, die fordert, urteile nicht, damit du nicht verurteilt wirst.
Ich liebe die Bibel. Sie ist ja ein ungeheuer anregendes Buch. Doch ohne zu urteilen, können wir nicht leben. Wenn ich mich mit Pfarrern, Priestern bis hinauf zum Bischof unterhalte, erlebe ich, wie sich diese bei jedem Urteil zurückhalten. Das macht ein Gespräch mit der Geistlichkeit schwierig. Ein normaler Mensch lebt davon, dass er urteilt. Wenn ich ein Urteil über eine Person treffe, dann geschieht dies, um etwas voranzubringen oder um mich zu schützen. Menschen sind gezwungen, zu urteilen. In der Schweiz ist das Urteilen gefährlich. Wenn ich über einen Politiker sagte, der gefällt mir nicht, dann trägt man mir dies noch zwanzig Jahre lang nach.

Das Urteilen droht rasch zu Verurteilung zu werden.
Auch das Verurteilen gehört dazu. Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der die Konkurrenz versucht, uns hinauszudrängen.

Die Kirche unterscheidet zwischen Sünde und Sünder. Jeder Mensch kann sich ändern und verdient eine zweite Chance. Es scheint, dass die Gesellschaft unbarmherziger ist.
Ja. Das ist eine Art von Notwehr. Unsere heutige Gesellschaft, gerade in der Schweiz, ist enorm gestresst. Die alten Leute haben Angst vor der Zukunft. Der Mittelstand wird bedrängt von Ausländern jeglicher Couleur, die ihre Jobs bedrohen. Ihre Aufstiegschancen sind beschränkt, weil nicht mehr nur Schweizer Kaderstellen besetzen und Ausländer billiger sind. Und die Jungen fürchten um ihre Zukunft. Sie fragen sich, wo sie eine Stelle finden und ob sie jemals AHV beziehen werden. Die Schweizer Gesellschaft steht unter einem gewaltigen Druck. In solchen Zeiten sucht man ständig Schuldige. Das kann der Nachbar sein, der Migrant aus Exjugoslawien oder Flüchtlinge aus Afrika. Man markiert Schuldige für das eigene Elend.

Auch Prominente können zu solchen Schuldigen werden?

Das ist edles Wild. Prominente zu jagen, gehört zu den wunderbarsten Übungen der Medien. Nur wer edles Wild erlegt, macht Karriere. Mit Kleinwild, etwa Hasen, kommt man nicht voran. Wer jedoch einen Zwölfender schiesst, einen Sepp Blatter oder einen Bundesrat zum Beispiel, erklimmt die Karriereleiter. Das bedeutet bessere Position und höheres Einkommen.

Müssen uns die Prominenten leidtun?
Nein. Die Firmen haben gelernt, sich mit Kommunikationsberatern zu verbarrikadieren. Denken wir an Novartis, an Nestlé oder ABB. Viele Unternehmen gehen damit professionell um. Wer das nicht tut das war bei der Fifa in den letzten Jahren der Fall , der wird von dem Medien-Tsunami überrascht.

Gibt es keine Möglichkeit, um diesem Tsunami zu entgehen?
Selbstverständlich, dafür bin ich ja da. Den Kreislauf kann man durchbrechen, wenn man sein Verhalten ändert. Doch wer älter als 40 Jahre ist, lernt dies kaum. Sehen Sie, wie rasch Wirtschaftsgrössen wie Joseph Ackermann und jetzt seine Nachfolger weggeweht werden. Das geht heute ungeheuer schnell. Wer sich nicht darauf vorbereitet, der fällt diesen Winden zum Opfer.

Dagegen lässt sich nichts machen?
Das ist die Konsequenz der Globalisierung und Ökonomisierung der Gesellschaft.

Hat der Mensch kein Recht auf Integrität?
Die Veränderungen in der westlichen Gesellschaft sind so vehement, die Geschwindigkeit so hoch, dass ein Einzelner oder eine Firma, die sich nicht darauf vorbereitet hat, keine Chance hat. Die Kräfte der Konkurrenz, der Medien, der internen Zerstörungen und äusseren Angriffe spülen sie weg.

Ohne Rücksicht?
Es geht immer um Macht, Geld und um Karriere. Der Kapitalismus ist unerbittlich. Ich erkläre den Leuten immer, entweder kennt ihr die Spielregeln und handelt danach oder ihr werdet das nicht durchhalten. Ich sehe es als eine meiner Aufgaben, realistisch zu sein und die Risiken zu benennen. Der Gang der Märkte ist so gewaltig, dass es keinen Widerstand dagegen gibt.

Wie geht man mit dem Druck um?
Die einen vertragen dies besser. Sie sind auf gut Neudeutsch «hard nosed». Andere zerbrechen daran und sind ausgebrannt. Dafür gibt es die neudeutsche Bezeichnung «burn out». Viele Familien zerbrechen unter diesem Druck. Sie sind zu schwach, um diese Spannungen auszuhalten. Oftmals erliegen sie dem Konsumrausch und der Versuchung, gesellschaftlich besser dastehen zu müssen als die anderen.

Was raten Sie Sepp Blatter als PR-Berater?
Sepp Blatter hat eine grosse Karriere gemacht. In vierzig Jahren hat er aus einem Betrieb mit zwölf Mitarbeitern einen Weltkonzern geschmiedet. Welcher Schweizer kann das von sich behaupten? Das hat ihn auf Höhen getragen, wo es andere Strukturen braucht. Blatter ist im Begriff, zusammen mit seiner Spitze die neue Fifa in die Wege zu leiten. Das sieht er als sein Vermächtnis an. Sepp Blatter arbeitet in den nächsten Monaten nach seiner Rücktrittserklärung daran, diese «New Fifa» zu ermöglichen. Das ist eine Herkulesarbeit.

Und ihm persönlich?
Wesentlich ist das, was ich die innere Säule nenne. Blatter ist sehr religiös. Diese Säule geht von Gott durch ihn hindurch und hält ihn stabil. Solange seine Sicherheit und sein Vertrauen nicht gebrochen sind, bleibt er handlungsfähig.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker: «In Zeiten der Angst sucht man ständig Schuldige.»

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 23. Juni 2015


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