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Von Sündern und Heiligen

01.01.2016
Nadia Bolz-Weber ist in den USA ein Star. Sie füllt Kirchen und die Medien reissen sich um die Pastorin. Was ist das Geheimnis, dass ihre Predigten so viele ansprechen, wollten wir von ihr in Zürich wissen.

Das Amt für Aus- und Weiterbildung der Pfarrschaft hatte die Pastorin eingeladen, um über «Leadership» zu referieren. Dem neuen Star der amerikanischen Kirche eilt der Ruf voraus, ganze Gotteshäuser zu füllen. Vom Deutschen Kirchentag in Stuttgart war Nadia Bolz-Weber nach Zürich gejettet. Die zierliche Frau, die dann im Kirchgemeindehaus etwas verlassen herumstand, hatte nichts von klerikaler Pfarrherrlichkeit. Zahlreiche Tattoos mit biblischen Szenen zum Kirchenjahr zieren ihren Körper, als wäre sie ein inkarniertes Kirchenfenster. Am Kirchentag habe man sie befremdet angestarrt, erzählt die Theologin. «Aber wir alle tragen doch Geschichten mit uns herum. Manche einfach aussen auf der Haut.»
Das ist eine von Bolz-Webers Aussagen, die in den Kirchgemeinden der USA Aufsehen erregen. Die Lutheranerin unterscheidet nicht zwischen Sündern und Heiligen. Sünde gehört für sie zur menschlichen Existenz. Wut, Eifersucht oder Stolz seien Teil des Lebens. Sünde hat für sie nichts Moralisches: «Selbst wenn du nicht rauchst, deinen Ehemann nicht betrügst und nicht stiehlst, so bleibst du ein Sünder», erklärt sie. «Wir alle sind wunderbare, gebrochene Menschen. Gott liebt uns so, wie wir sind, auch wenn wir straucheln. Meine Fehler sind nie das letzte Wort. Allein Gottes Gnade kann uns retten.»
Mit dieser reformierten Botschaft hält Bolz-Weber den bigotten Glaubensgemeinschaften der Selbstgerechten den Spiegel vor. Gerade in den USA, wo der konservative Lebensstil mit Glaubensheil gleichgesetzt wird, bilden ihre Worte Sprengstoff. Bolz-Weber spricht Menschen an, deren Lebenslinien schmerzhafte Brüche aufweisen und die den Kirchen den Rücken zugekehrt haben. Ihr Buch «Patrix der verrückte, schöne Glaube einer Sünderin und Gerechten» schaffte es auf die Bestsellerliste der «New York Times».

Das Leben als Achterbahnfahrt
Bolz-Webers Weg zur Pastorin war keineswegs vorgezeichnet. Im Gegenteil: Bis sie Jesus fand, sei ihr Leben eine «Achterbahnfahrt» gewesen, schreibt sie in einem ihrer Bücher. In einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, rebellierte sie, fing an zu trinken und Drogen zu nehmen. Sie stürzte ab. Die anonymen Alkoholiker halfen ihr aus der Sucht. «Das Blöde war nur, dass ich meinen Freunden, die weiterhin an der Flasche hingen, beim Sterben zusehen musste», erzählte sie dem Magazin «Geo».
Als sie ihren späteren Ehemann, einen Pastoren, kennenlernt, findet sie zu Jesus. Am Grab eines langjährigen Freundes erkannte sie ihre Berufung. Sie studierte Theologie, wurde Pastorin der Evangelical Lutheran Church of America und gründete ihre Kirche «Das Haus für alle Sünder und Heilige» in Denver. Sonntag für Sonntag besuchen Alkoholiker, Kriegsveteranen, Vorbestrafte und andere ihre traditionellen Gottesdienste. «In erster Linie sind wir Menschen, die sich um die Geschichten und den Tisch Jesu herum versammeln», sagt sie.
Warum spricht ihre Kirche die Leute an? «Vielleicht, weil sie sich hier nicht verstellen müssen», sagt Nadia Bolz-Weber. Sie müssten hier nicht einen Teil ihrer Persönlichkeit oder ihrer Lebensgeschichte wegradieren. Unser Leben und Selbst gehörten in die grössere Geschichte von Vergebung, Erlösung und Auferstehung. «Gott ist in der Welt aktiv, auch wenn wir dies nicht sehen. Wir sind Teil des Körpers Christi.»

Tilmann Zuber

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