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«Wir sind nicht irgendeine Diasporakirche»

01.01.2016
Im Abschiedsinterview blickt David A. Weiss auf seine Amtszeit zurück, erklärt, warum er ein schlechter Ökumeniker ist und wieso er jetzt sogar seinen Talar verschenkt.

Sein Markenzeichen, die obligatorische Fliege am Hemdkragen, fehlt. Auch sonst wirkt David A. Weiss sichtlich gelöst. Ende August tritt der Theologe nach 22 Jahren als Synodalratspräsident zurück und gibt auch alle anderen Ämter ab.

Herr Weiss, Was haben Sie in Ihrer Zeit als Synodalratspräsident bewirkt?
Ich habe in den 28 Jahren geholfen, eine junge, erst 17-jährige Kantonalkirche zu einer Landeskirche zu formen. Aus einem schwachen Netz zwischen Kirchgemeinden ist ein tragfähiger Verbund entstanden.
In gesellschaftlich relevanten Bereichen wie Drogenhilfe, Palliative Care, Asyl- und Flüchtlingswesen oder Unterricht gestalten wir mit. Häufig gemeinsam mit der katholischen Kirche, aber nicht als der kleine Trittbrettfahrer, sondern paritätisch und partnerschaftlich. Dazu schufen wir professionelle Fachstellen.
Die Fachstelle Öffentlichkeitsarbeit war Ihnen immer wichtig.
Die gesellschaftliche Verantwortung, die wir als Kirche wahrnehmen, soll auch nach aussen spürbar sein. Auch in den Bereichen Unterricht und Ökumene, den die anderen Fachstellen abdecken, war eine Professionalisierung angebracht, um von Gesellschaft und Partnerorganisationen auf gleicher Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Das half wiederum bei der Schaffung der Spezialpfarrämter an der Universität oder in den Spitälern.

Auch auf nationaler Ebene waren Sie sehr aktiv . . .
Als kleinere Kirche im nationalen Kontext haben wir uns eine gute Position erarbeitet. Das bedingt, dass einzelne Exponenten entsprechende Aufgaben wahrnehmen in der Kirchenkonferenz, im Rat SEK, im Militärdienst, bei den Reformierten Medien.

Profilierung oder Notwendigkeit?
Natürlich bringen diese Ämter auch persönliche Genugtuung, du darfst aktiv mitgestalten. Aber sie sind gleichzeitig zwingend, um unserer Kirche gegen aussen ein Profil zu geben und sie attraktiv zu machen. Wir sind nicht irgendeine Diasporakirche.

Der Streit über die Strukturen innerhalb der Kantonalkirche mit einer mächtigen, finanzgewaltigen Kirchgemeinde Luzern und einer «armen» Kantonalkirche durchzieht Ihre Amtszeit. Warum gelang es nicht, dieses Problem zu lösen?
Zum einen gibt es immer noch Leute, die sich das Reformiertsein in der Agglomeration ohne die starke Kirchgemeinde Luzern, die alles zusammenhält, nicht vorstellen können. Zum anderen habe ich den Eindruck das ist vielleicht eine Unterstellung dass gewisse Menschen ihre eigenen Pfründe behalten wollen.

Die reformierte Kirche bereitet sich auf das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation vor. Was ist vom flammenden Aufbruchsgeist Luthers und Zwinglis heute noch zu spüren?
In der Schweiz wenig. Wir Reformierten müssen uns heute darauf einrichten, das wir eine viel punktuellere Rolle spielen werden. Darum habe ich mich immer in der Luzerner Diaspora wohlgefühlt: Diese Kirchensituation hat vorweggenommen, was auf die Gesamtkirche zukommt.

Plädieren Sie für eine Annäherung an die katholische Konkurrenz, von der man sich einst losgesagt hat?
Die Trennung der Konfessionen löst in mir keinen Schmerz aus. Von daher bin ich ein ganz schlechter Ökumeniker. Zur Christenheit gehört es, dass wir zwölf Apostel haben und unterschiedliche Betrachtungsweisen, was Jesus bewirkt hat.

Haben Sie manchmal Zweifel, ob der reformierte Glaube die Menschen heute noch erreicht?
Die Reformation ist für mich immer noch ein grosser Wurf. Protestantische Errungenschaften wie die Autonomie des Individuums, ethische Verantwortung des Menschen gegenüber seiner Mit- und Umwelt, Intellektualität oder visuelle Kargheit sprechen uns auch heute noch an.

Was haben Sie sich für die nächsten Monate vorgenommen?
Ich habe keine konkreten Pläne. Ich möchte mehr Zeit für Freunde und Familie haben und meinen kultur- und kunstgeschichtlichen Interessen nachgehen, Ausstellungen besuchen, längere Wanderungen machen. Ich bewohne im Aargau eine historische denkmalgeschützte Vogtei. Da bin ich gern «Museumskonservator». Wenn ich merke, das reicht mir nicht, kann ich mich später immer noch wieder gesellschaftlich engagieren.

Ist es eine Erleichterung, die Bürde des Amtes niederlegen zu können?
Als Präsident stecke ich in einer permanenten Verantwortung. Ich habe mich aber nicht zermürben lassen, sondern stets den Ausgleich gesucht. Ich gestehe, während der intensiven Verfassungsdiskussionen der letzten Zeit habe ich häufiger mit unserem Hund gespielt als sonst (lacht). Auch wenn sie mich nicht belastet hat mittlerweile überwiegt die Freude auf die Freiheit und darauf, die Verantwortung abgeben zu können. Darum höre ich auch bewusst mit allem auf.

Es gibt auch keine Gottesdienstvertretungen?
Nein. Ich verschenke sogar meinen Talar an das Konkordat für Übungszwecke in der Ausbildung. Ich habe meine beiden ehemaligen Gemeinden und ihre Mitglieder zu gern, um mich «bloss» auf Vertretungen einzulassen.




Zur Person
David A. Weiss, 60, bestimmte fast drei Jahrzehnte die Geschicke der Luzerner Kantonalkirche mit. In den Synodalrat kam er 1987 und präsidierte diesen seit 1993. Auch national setzte Weiss Akzente: Von 1999 bis 2005 als Mitglied des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. Seit 2008 als Präsident der Reformierten Medien. Als Pfarrer amtete er von 1983 bis 1990 in Sempach, anschliessend bis 2008 in der Teilkirchgemeinde
Matthäus in Luzern.

Interview: Annette Meyer zu Bargholz


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