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«Bevor ich sterbe will ich ... leben!»

01.01.2016
Die Bandbreite unserer Wünsche für die Zeit bis zum Tod ist breit und bunt. Eine riesige Wandtafel im Schlosshof in Köniz zeigt das zurzeit. Pfarrer Michael Stähli hat die Aktion initiiert.

«Entweder hat man Glück und es stehen super Sachen da oder die Nähe des Oberstufenzentrums zeigt Wirkung.» Das Schmunzeln des Könizer Pfarrers Michael Stähli ist selbst durchs Telefon zu vernehmen. Trotzdem: Aus seiner Sicht hat sich der Aufwand gelohnt. Während einer Woche handwerkte Stähli zusammen mit dem Sigristen Beat Schär. Nun steht die auffallend grosse und auffallend platzierte dunkle Wand beim Schlosshof mit dem weiss leuchtenden Satz: «Before I die ...» leer bis auf die Satzanfänge und Linien, bereit zum freien Beschreiben mit bunten Kreiden: «Bevor ich sterbe, will ich ...»

Über 1000 Wände weltweit

«Da der Satz auf Englisch beginnt, wird oft Englisch weitergeschrieben», stellt Stähli fest. Ursprünglich war geplant, Titel und Satzanfänge auf Berndeutsch hinzuschreiben. Aber die Schablonen hätten dafür extra angefertigt werden müssen und wären deutlich teurer geworden. Englisch ist die Originalsprache des Projekts: Es startete als Werk der Künstlerin Candy Chang 2011 in New Orleans mittlerweile gibt es gemäss ihrer Website über 1000 Wände auf der ganzen Welt. Anleitungen und Schablonen werden ebenfalls angeboten (Links am Ende des Textes).
In Köniz stand die Wand am 20. Juni bereit. Täglich putzt der Pfarrer. Er beobachtet, wenn Menschen vorbeigehen oder dabeistehen, lauscht. «Man kommt sehr locker ins Gespräch bei dieser Wand, gerade auch, wenn ich am Putzen bin», sagt Michael Stähli und findet: «Das ist Social Media live.» Sehr viele blieben stehen und läsen. Sind es mehrere, folgt meist sofort ein Gespräch untereinander. Und es entstehen Satzenden wie: «... win the battle of Morgarten.» «... go to the Antarctica.» «... die Welt retten.» Oder einfach «... läbe!».

Anregend, unaufdringlich
Dass die überdimensionale Wandtafel von der Kirche initiiert ist, steht nirgends wie auch in anderen Ländern Hinweise auf die Urheberschaft fehlen. Doch zumindest wer aus der Kirche kommt, hat «Before I die ...» direkt im Blickfeld fast über die ganze Strecke des Weges, der von der Kirche wegführt. Für Pfarrer Michael Stähli ist es «eine gelungene Form» für die Kirche, sich anders und offen zu zeigen: «Es regt an, ohne aufdringlich zu sein, und die Frage geht alle etwas an.»
Auch für Matthias Zeindler macht es durchaus Sinn, dass die Kirche bei diesem Projekt mitwirkt. Für den Leiter des Bereichs Theologie bei den reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn erscheint die Frage auf den ersten Blick als «sehr säkular». Auf einen zweiten Blick komme aber viel mehr zum Vorschein: «Man kann es als Anstoss zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben sehen. Und es öffnet Fragen wie: Was ist erfülltes Leben? Was ist der Sinn des Lebens?»

Zeitgemässe Form für Fragen
Auch dass durch die Wand Gespräche eingefädelt und diese Kultur vertieft werden kann, sieht Matthias Zeindler positiv. Offensichtlich sei das eine zeitgemässe Form, um Fragen zu stellen nach Tod und Leben. «Die Nachhaltigkeit hängt aber auch davon ab, was man daraus macht. Ich fände es wichtig, dass das Thema weitergeführt wird.» In diesem Sinn wäre es Zeindlers Ansicht nach sehr interessant, wenn weitere Kirchen mitmachen würden.
Michael Stähli hat das Projekt in einem Gottesdienst im Schlosshof bereits zum Thema gemacht. Regelmässig fotografiert er die Wand und wird die Bilder der internationalen Projekt-Website senden. Auf den Gemeindeseiten in der Zeitung «reformiert.» wird ebenfalls ein Beitrag erscheinen. Und er kann sich vorstellen, am Ewigkeitssonntag das Projekt noch einmal aufzugreifen. Jetzt sind aber vorläufig noch alle gefragt, sich zu beteiligen: Bis am 12. Juli steht die Wand in Köniz noch da für persönliche Worte.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Der Könizer Pfarrer Michael Stähli findet das internationale Kunstprojekt «Before I die ...» eine gute Form, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
Marius Schären / reformiert.info

Marius Schären / reformiert.info

Links:
Mehr zum Projekt: www.beforeidie.cc


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