Logo

Karriere wird selten geplant (3)

01.01.2016
Die Wege sind unterschiedlich, aber viele Schwierigkeiten ähneln sich auch: Gemeinsam mit einer Kollegin sammelte Martina Bär von der Universität Luzern die Werdegänge von katholischen und evangelischen Theologinnen.

Das Spektrum an Karrierewegen von promovierten Theologinnen ist breit. Manche sind nach der Promotion an der Universität geblieben und haben eine Professur inne, manche sind in die Praxis gegangen, wieder andere versuchen Mischformen. Martina Bär, Oberassistentin an der Universität Luzern, und Nadja Troi-Boeck von der Universität Bern, stellten 24 erfolgreichen Theologinnen im In- und Ausland die Frage: «Wie sind Sie dorthin gekommen, wo Sie jetzt beruflich stehen?» Aus den freimütigen Antworten entstand eine Porträtsammlung, die im Internet veröffentlicht wurde und jetzt in Buchform erschien.

Kampf mit den Hierarchien
«Die Wegbeschreibungen sollen junge Theologinnen ermutigen, den Weg in die Wissenschaft zu wagen», erklärt Martina Bär. Denn von Anfang an beabsichtigt war eine Universitätskarriere bei keiner der Theologinnen aus dem Buch, egal ob evangelisch oder katholisch, emeritiert oder noch in der Forschung aktiv. Auch Martina Bär, die zurzeit an ihrer Habilitation arbeitet, hatte zu Beginn ihres katholischen Theologiestudiums nicht gedacht, einmal die Uni-Laufbahn einzuschlagen. «Viele Frauen merken erst während des Studiums, dass ihnen Forschung und Lehre liegen, oder sie treffen, oft zufällig, auf Mentorinnen oder Mentoren, die sie fördern.»
An den theologischen Fakultäten hadern vor allem die Katholikinnen mit der männlich geprägtenAmtskirche und ihrer entsprechenden Hierarchie. «Obwohl ich mich mit grossem Interesse qualifizierte, im Ausland tätig war, Erfahrungen in allen Aspekten der akademischen Arbeit erwarb, wurde mir die Spannung zwischen männlich geprägter intellektueller Welt und den männlich geprägten Familienbildern immer deutlicher. Familie wurde nicht per se als schlecht taxiert, man hatte sie einfach nicht», erinnert sich Daria Pezzoli-Olgiati, Religionswissenschafterin und Professorin an der Universität Zürich.
Bei den evangelischen Theologinnen ist die Gleichberechtigung zwar weiter fortgeschritten, doch finden auch sie nach wie vor wenige Professorinnen an den Unis, die als Vorbilder dienen könnten. Eine Spezialisierung auf Genderfragen, wie einige der Theologinnen sie vollzogen haben, stösst in männerdominierten Berufungskommissionen zudem oft auf Ablehnung. So fand Claudia Janssen trotz Habilitation keine ordentliche Professur an einer deutschen Universität. Die heutige Leiterin des Gender-Studienzentrums der Evangelischen Kirche Deutschlands arbeitete nach ihrem Staatsexamen in neun Stellen an sieben verschiedenen Orten.
Eine wichtige Rolle für einen erfolgreichen Werdegang spielt auch das Umfeld. Viele der Porträtierten berichten von Partnern, die einen Grossteil der Familienarbeit erledigten, um die Karriere ihrer Frau zu fördern. Die «Work-Life-Balance», wie die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf neudeutsch heisst, sei gerade für die jüngeren Frauen ein grosses Thema, so Bär. Die heutigen Wissenschafterinnen wollen für die Karriere nicht alles opfern. Lieber stecken sie dafür beruflich zurück.
Anders die Theologinnen der Generation davor: Für sie stand der Beruf im Vordergrund, auch wenn die Entscheidung auf Kosten der Familie oder der eigenen Gesundheit ging. So berichtet Sigrid Müller, Professorin für Moraltheologie in Wien: «Im Nachhinein tut mir die Erinnerung weh, dass der ältere Sohn manchmal weinte, wenn ich ihn bei einer Babysitterin oder bei meinen Eltern liess, um in die Bibliothek zu gehen oder zu verreisen. Ich weiss nicht, ob ich das heute wieder so machen würde.»

Partner halten den Rücken frei
Während die einen im Nachhinein gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht hätten, zwingt die anderen das Leben zu einem Zwischenhalt. Christine Globig, Privatdozentin an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel, schreibt: «Im Alter von 50 Jahren, nach internationaler Qualifizierung, Promotion, Berufserfahrung auf zwei ambitionierten Stellen, kurz vor Abschluss einer gleichfalls erfolgsversprechenden Habilitation, holte mich das Leben ein, wie es spielen kann: Drei Jahre war ich mit voller Kraft die Tochter pflegebedürftiger Eltern und Mutter von zwei Kindern, die just in dieser Zeit besonderer Aufmerksamkeit bedurften.»
Trotz aller Schwierigkeiten bereut keine der vorgestellten Frauen, eine akademische Laufbahn eingeschlagen zu haben. Im Gegenteil: Die äus-serst lesenswerten Porträts ermutigen, den eigenen Weg zu wagen und geben dazu vielfältige Anregungen.

Bär, Martina/Troi-Boeck, Nadja (Hrsg.): «Du stellst meine Füsse auf weiten Raum». Theologinnen im Porträt. Verlag Herder, 2015, 19.50 CHF


Zum Bild: Sammelte Porträts erfolgreicher Theologinnen: Martina Bär, Oberassistentin an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. | Foto: MZB

Annette Meyer zu Bargholz

Links:
www.frauenportraits.ch


ÄHNLICHE ARTIKEL