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Über die Chancen und Grenzen des Verschiedenseins

01.01.2016
Der Dokumentarfilm «Am Scheideweg» der Siblinger Musikerin Christiane Mathé plädiert für ein Leben mit Kindern mit Down-Syndrom. Die Autorin will mit dem Film einen Kontrapunkt setzen zur vorgeburtlichen Selektion durch pränatale Diagnostik.

Das Hip-Hop-Training macht der 24-jährigen Vera grossen Spass. Mühelos bewegt sie sich zur Musik im Gleichtakt mit den Tänzerinnen um sie herum. Ihre langen braunen Haare fliegen ihr um das Gesicht. Sie strahlt, dreht sich schwungvoll um die eigene Achse und lässt den Rhythmus durch ihren Körper pulsieren.
Vera ist einer der jungen Menschen, die der Zuschauer im Dokumentarfilm «Am Scheideweg» kennenlernt. Neben Vera kommen auch Carolina, Leanne, Basil, Peter, Stefan und Johannes vor. Sie alle sind Menschen mit Down-Syndrom. Der 23-jährige Johannes erzählt von seiner Arbeit in der Schreinerei. Dann sieht man ihn in einem kleinen Auto vom Platz fahren.  Der 31-jährige Stefan lebt in seiner eigenen Wohnung. Er habe vieles eigenständig erlernt, erzählt seine Mutter Hanni. Beatrice, die Mutter von Vera, berichtet von Veras besonderen Gaben. «Sie liebt die Menschen und kann sie wieder glücklich machen, wenn sie traurig sind», sagt sie. Man könne viel von Vera lernen.

Umstrittener Bluttest
Die Autorin des Films, die Siblinger Musikerin Christiane Mathé, will aufklären. Über das Down Syndrom. Über das Leben mit einem betroffenen Kind. Über die Akzeptanz von diesen Kindern in unserer Gesellschaft. Und über die Folgen der erleichterten pränatalen Diagnostik. Seit dem 15. Juli übernehmen die Schweizer Krankenkassen die Kosten für den PraenaTest, der über eine einfache Blutentnahme bei der Mutter anzeigt, ob das Kind unter Trisomie 21 leidet oder nicht. «Der PraenaTest hat sich vom umstrittenen Bluttest zur Routineuntersuchung gemausert», prangert Christiane Mathé an. «Mehr Eltern werden sich aus Angst vor einem Leben mit einem behinderten Kind für eine Abtreibung entscheiden, wenn feststeht, dass ihr künftiges Kind das Down-Syndrom hat».
Mit den ethischen Fragen, die der PraenaTest aufwirft, befassen sich im Dokumentarfilm auch Fachleute aus verschiedenen Bereichen. Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik vom Schweizerisch-evangelischen Kirchenbund SEK, äussert sich zum PraenaTest. «Man reduziert den heranwachsenden Menschen auf einen Faktor, der getestet wird.» Dies sei ein diskriminierender Aspekt der pränatalen Diagnostik. «Der Test kommt daher wie eine Routineuntersuchung», sagt Mathwig. «Dabei geht es um die Frage, ob das Kind geboren werden soll oder nicht. Es geht um Sein oder Nichtsein für einen dritten Menschen.»
Hanni, die Mutter von Stefan, ist froh, dass sie in der Schwangerschaft keinen Test hat machen lassen. «Ich hätte Angst gehabt, dass man mich mit dem Resultat allein lässt und wäre überfordert gewesen», sagt sie. Andere Eltern erzählen, was die Diagnose Down-Syndrom in ihnen ausgelöst hat. Bei der heute fünfjährigen Leanne stellten die Ärzte während der Schwangerschaft einen für Trisomie 21 typischen Herzfehler fest. Trotzdem verzichteten Leannes Eltern, Christine und Peter, auf weitere Analysen. Nach der Geburt bestätigte die Chromosomenanalyse den Verdacht. «Die Diagnose löste grosse Trauer aus», erzählen Christine und Peter. «Wir wussten aber von Anfang an, das ist unser Kind, egal, was kommen mag.»

Aufgabe der Kirche
Der Film erweckt nicht den Anschein, dass ein Leben mit einem behinderten Kind einfach sei. Auch der individuelle Entscheid dagegen wird nicht gewertet. Die Fachleute reden über die Möglichkeiten, aber auch über die Grenzen ihrer beratenden Funktionen. Und über die flankierenden Massnahmen, die der Staat treffen muss, damit betroffene Familien Hilfe erhalten.
Zentral zum Ausdruck kommt, dass Menschen mit Down-Syndrom für die Gesellschaft wichtig sind. Weil sie mit ihren Besonderheiten Werte fördern, die sonst fehlen würden. Für Christiane Mathé muss die Kirche hier ihren Auftrag wahrnehmen. «Meiner Meinung nach hat die Kirche klar die Aufgabe, diskriminierende Bilder abzubauen.» Der Dokumentarfilm könne dabei als Instrument zur Aufklärung dienen, er sei geeignet für den Unterricht und für die Erwachsenenbildung in Kirchgemeinden oder in Schulen.




Zum Bild: Kinder mit Down-Syndrom bereichern die Gesellschaft durch ihr Verschiedensein. Ihre Lebensfreude ist ansteckend.

Adriana Schneider

Links:
Website zum Film: http://am-scheideweg.webnode.com. In der Schaffhauser Buchhandlung Thalia ist der Film ebenfalls erhältlich.


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