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Kino statt Kirche

01.01.2016
Seit 45 Jahren ist der Theologe Pierre Stutz begeisterter Kinogänger. Immer wieder stösst er in den Filmen auf Szenen, die ihm im Leben helfen. Diese «Film-Momente» dienen ihm als spirituelle Kraftquellen. In seinem neuen Buch teilt er 50 von ihnen mit seinen Leserinnen und Lesern.

Pierre Stutz, welche drei Filme muss man gesehen haben, bevor man stirbt?
Was für eine Frage! Jeden Monat werde ich sie wieder anders beantworten! Na denn, für den Monat September: «The Kid» (1921) von Charlie Chaplin, «Drei Farben: Blau» (1993) von Krzysztof Kieslowski und «Pina tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren» (2011) von Wim Wenders.

Warum gerade diese?
Weil sie uns kraftvoll aufzeigen können, was zu einem glücklichen Leben gehört: Lebensfreude und Einsatz für die Schwachen, Lachen und Weinen, Geradestehen für sein Leben und Eingebundensein in einer Gemeinschaft. In diesen Grundwerten lässt sich jene göttliche Spur entdecken, die auch in vielen biblischen Texten aufscheint.

Wie muss ein Film sein, damit er Ihnen gefällt?

Ein Film muss mir Zeit geben, die Bilder anzuschauen. Ich mag Filme, in denen ich den Schauspielern begegnen kann, Filme, die mir einen Raum öffnen, in denen Gefühle und Geschichten sich entfalten. Ein Film gefällt mir, wenn ich eine Verbindung zu meinem Leben herstellen kann. Im Sinne von Martin Buber, der sagt: «Es gibt keine echte Begegnung ohne Zwischenraum», muss ein Film Zwischenräume bieten für das, was ich von mir selber mitbringe. Das gehört für mich zur Spiritualität.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Der Dokumentarfilm «Magie des Lichts» über den Maler Giovanni Segantini. Ich mag keine Filme, die mich als Zuschauer erschlagen, wie es viele der neuen, schnell geschnittenen Blockbuster tun.

Sie bevorzugen Autorenfilme. Sie finden diese aber oft zu traurig. Haben die Filmemacher zu wenig Humor?
Lachen und Weinen sind keine Gegensätze, sie gehören zum Leben. Humor ist für mich eine spirituelle Kraft, eine Widerstandkraft. Aber es ist eine hohe Kunst, einen Film über ein ernsthaftes Thema zu drehen, bei dem man auch lachen kann. Das zeigt «La vita e bella», wo der Vater seinem Sohn im Konzentrationslager erzählt, dass alles nur ein Spiel sei. Der Film bewegt sich immer auf Messers Schneide.

Sie finden auch spirituelle Momente in Unterhaltungsfilmen wie «Winnetous Tod».
Das war mein erster Film, den ich mit 13 Jahren im Kino sah. Deshalb hinterliess er einen starken Eindruck. Ich kann durchaus auch in einem James-Bond-Film eine Szene finden, in der ein göttlicher Funke springt.

Ein göttlicher Funke?
Ich greife aus einem Film eine Szene heraus, die mich so anrührt, dass ich sie immer wieder anschaue. So wie ich ein biblisches Wort immer wieder lese, zum Beispiel «Du hast mich herausgeführt in die Weite». Warum faszniert mich diese Zeile aus einem Psalm so? Weil sie mir Kraft gibt. Das Gleiche erlebe ich in Filmen. Ich möchte den Leuten Mut machen, auf solche Momente zu achten und ihre spirituelle Ader zu entdecken im Leben. Solche Szenen findet man auch in leichteren Werken wie «Die Herbstzeitlosen». Wenn die 80-jährige Martha eine Schachtel öffnet und darin die Spitzenunterwäsche findet, die sie vor 40 Jahren genäht hat, hat sie ihr nicht gelebtes Leben vor sich. Das ist ein höchst spiritueller Moment. Darum geht es Jesus, dass wir auferstehen zum Leben. Das ist der göttliche Funke. Mithilfe solcher Film-Momente möchte ich die Menschen dazu bringen, Kräfte freizulegen, die bereits in ihnen sind. Dazu braucht es keine Jesus-Filme.

Sie mögen keine Jesus-Filme?
Nein, nicht besonders. Ich finde, Regisseur Pier Paolo Pasolini ist als Atheist in seinen Filmen spiritueller als viele Jesus-Filme. Auch der Regisseur des Films «Von Menschen und Göttern» bezeichnet sich als Atheist. Doch gerade weil er der Geschichte über sechs Mönche, die umgebracht werden, nicht mit Frömmigkeit, sondern mit einer gewissen Distanz begegnet, strahlt der Film eine grosse Kraft in mönchischer Tradition aus.

Im Film, sagen Sie, erleben Sie Momente, in denen Sie voll da sind und gleichzeitig weit weg. Wie meinen Sie das?
Das ist meine Umschreibung von Mystik. Während meinem Burnout vor 25 Jahren, als ich auf mich selbst zurückgeworfen wurde, entdeckte ich die Mystik. Mystiker, auch moderne wie Dorothee Sölle, sind Frauen und Männer, die den Mut haben, ihren Weg zu gehen und ihren eigenen Bildern zu trauen. Es gibt Momente im Leben, wo ich höchst präsent bin und gleichzeitig spüre, es übersteigt mich. Wie das Staunen, das mich auf einem Berggipfel überkommt. Das erfahre ich im Kino zum Beispiel in einer Szene aus «Timbuktu» (2014). Die Islamisten haben das Fussballspiel verboten. Doch die Jungen spielen trotzdem ohne Ball. Das wirkt wie ein Ballett und darum herum stehen bedrohlich die schwer bewaffneten Islamisten. Die Szene zeigt auf geniale Weise, wie die Jungen sich nicht unterkriegen lassen. Die Szene hat mich so sehr angerührt, weil es eine Verbindung zu meinem Leben gibt. Ich habe mich zu lange verbiegen lassen. In solchen Momenten verdichtet sich etwas, das ich «voll da und ganz weg» nenne. Man darf diese Augenblicke aber nicht einfach vorübergehen lassen, man muss sie benennen und darüber reden, sonst werden sie verschüttet.

Wie wissen Sie, ob sie von einer Szene im Inneren berührt werden oder ob der Film nicht einfach Ihre Gefühle manipuliert?
Indem ich nachher meine Eindrücke und Gefühle aufschreibe und versuche, darüber zu sprechen. Das ist eine Grundhaltung von Spiritualität, dass man seine Empfindungen überprüft, für sich selber und im Austausch mit anderen. Aber man kann auch von religiösen Motiven manipuliert werden oder im Gottesdienst. Und Kino kann zur Sucht werden.

Das Kino als Flucht vor der Realität.
Es besteht die Gefahr, dass man sein Leben verpasst, weil man sich dauernd einlullen lässt. Darum nehme ich mir Zeit, über meine Kino-Erlebnisse zu reden. So merke ich, welche Szenen mir Kraft geben und welche mir nicht gut tun. Da sehe ich eine Aufgabe der Kirche. Der reformierte Pfarrer Samuel Stucki im solothurnischen Riedholz bietet Filmgottesdienste an. Er wählt Szenen aus, die er dann mit den Leuten diskutiert und am Schluss in einer Predigt kritisch hinterfragt: Wo kann man die göttliche Kraft erahnen? Diese Gottesdienste besuchen viele, die am Sonntagmorgen nicht in die Predigt gehen.

Der Film löst die Predigt ab?
Zum Teil, ja, wie auch die Musik. Wenn Bach gespielt wird, sind die Kirchen voll. Viele Kinos begannen als Gemeinde- und Pfarreikinos. Der Film «Cinema Paradiso» zeigt das sehr schön. Die Szene, wo der Pfarrer alle Küsse aus den Filmen schneidet, drückt hervorragend die Trennung von Sexualität und Religion aus.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Pierre Stutz ist katholischer Theologe und Autor. 1994 initiierte er zusammen mit den Frères des Écoles Chrétiennes von Fontaine-André ein «offenes Kloster», eine Gemeinschaft von Frauen und Männern, auch verheirateten, die miteinander leben und eine Spiritualität im Alltag suchen. 2002 legte Stutz sein Priesteramt nieder. Seither lebt er mit seinem Lebenspartner in Lausanne. Seine Bücher erreichen eine Auflage von einer Million und wurden in sechs Sprachen übersetzt.

Pierre Stutz: «Geh hinein in deine Kraft. 50 Film-Momente fürs Leben», Verlag Herder 2015, 23.90 Franken, www.pierrestutz.ch


Zum Bild: Pierre Stutz im Kino: «Ich mag Filme, die mir einen Raum öffnen, in denen Gefühle und Geschichten sich entfalten.»
Basil Schweri

Interview: Karin Müller / Interkantonaler Kirchenbote / 7. September 2015


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