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Er weigert sich, ein Feind zu sein

01.01.2016
Der christliche Palästinenser Daoud Nassar kämpft seit über 20 Jahren an einem der konfliktträchtigsten Orte der Erde, an dem es viel Hass und keine einfachen Lösungen gibt: in Bethlehem. Grund genug für die ökumenische Gruppe «Eine Welt» Nassar nach Adligenswil einzuladen, wo er über sein Friedensprojekt informierte.

Der Weinberg, den Nassars Grossvater vor 100 Jahren kaufte, ist ein schöner Ort. Vom Hügel, rund zehn Kilometer südwestlich von Bethlehem im Westjordanland gelegen, hat man eine grossartige Aussicht über das Land. Das Grundstück umfasst 40 Hektaren Land mit mehreren Höhlen, in denen die Familie anfangs lebte. «Mein Grossvater war ein spiritueller Mann. Er hat diese Lebensform bewusst gewählt. Im Sommer ist es dort kühl, im Winter warm», sagt Nassar, der selbst in den Höhlen aufgewachsen ist.

Militär zerstörte Olivenbäume
Das Leben auf der Farm ist heute nicht einfach. Ringsherum wuchsen in den letzten Jahren Siedlungen israelischer Siedler aus dem Boden, die der Familie jetzt den Besitz streitig machen. Wein wächst auf Nassars Farm heute nicht mehr. Dafür gibt es genug Stoff für Konflikte.
Vor einem Jahr walzten israelische Soldaten Hunderte Bäume und Weinstöcke auf Nassars Grundstück platt und begruben sie unter der Erde. Begründung: Es handle sich um staatliches Land, warnte das Militär kurz zuvor auf Flugblättern. Sein Hof ist heute nur noch zu Fuss erreichbar, denn die Zufahrt ist vor Jahren von der Armee mit Schutt und Geröll zugeschüttet worden.
Nassar, der in der Schule Deutsch gelernt und später in Deutschland studiert hat, weiss: Mit Wiedergutmachung für seine Apfel- und Aprikosenbäume kann er nicht rechnen. Sein Ziel ist, dass die Zerstörungen aufhören und er seinen Grundbesitz behalten darf. Er werfe nicht mit Steinen, wolle aber auch kein Opfer sein, sagt Nassar. Und was er ganz sicher nicht werde, sei weinend aufgeben.

«Zelt der Völker»
170 000 Dollar an Gerichts- und Verfahrenskosten wendete er bisher für seinen Kampf auf. Umso erstaunlicher ist der Satz, der sein Leben zwischen israelischen Siedlern prägt: «Wir weigern uns, Feinde zu sein», steht, gemeisselt in einen grossen Felsblock, auf dem Weinberg. Der 44-jährige Lutheraner muss einiges erdulden. Er darf auf seinem Land weder Stromleitungen noch Wasserleitungen haben, überirdisch keine Bauwerke errichten. Deshalb habe man mit vielen, auch internationalen, Helfern Höhlen gegraben und Zisternen angelegt.
Den jüdischen Nachbarn ist der dickköpfige Palästinenser ein Dorn im Auge. Der Lutheraner will das Erbe seines Grossvaters und des Vaters fortsetzen, die beide gottesfürchtige Männer waren und die Hoffnung auf einen Frieden niemals aufgaben. Vor ein paar Jahren hat Nassar das Projekt «Zelt der Völker» ins Leben gerufen. Für ihn ist es ein Weg, Widerstand gegen die Vertreibung seines Volkes zu leisten. Jugendliche aus aller Welt kommen zu ihm auf den Weinberg und helfen mit, neue Pflanzen zu setzen, zu ernten und die Höhlen in gutem Zustand zu halten. Aber auch, um die Situation der Palästinenser vor Ort zu erleben. Im Sommer findet ein Camp für Kinder aus der Umgebung statt. Ein weiteres Angebot richtet sich an die Frauen in der Umgebung, die bei Nassar Englischkurse belegen und den Umgang mit Computern lernen können. «Ich versuche, ein Zelt zu bauen, unter dem alle Völker gemeinsam leben können», sagt Nassar.
«Die friedliche Haltung Daoud Nassars ist wahrlich christlich. Das imponiert mir», sagt Ursina Parr-Gisler, Pfarrerin von Adligenswil. Yvonne Buschor von der ökumenischen Gruppe «Eine Welt», pflichtet ihr bei: «Wir alle können von diesem Mann lernen gerade in der heutigen Zeit.»


Zum Bild: Weigert sich, sein Land zu verlassen: Daoud Nassar unterwegs zischen seinen Oliven- und Mandelbäumen. | zvg

Philippe Welti


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