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«Die Beziehungen sind das Kapital der Kirche»

01.01.2016
Nach mehr als dreissig Jahren geht Erich Huber in Pension. Der Wangener Pfarrer hat mit seiner Kirchgemeinde gelebt und ist überzeugt, dass dies nach wie vor der Schlüssel zu den Menschen ist.

Erich Huber, wie geht es Ihnen, wenn Sie nach 30 Jahren pensioniert werden?
Erich Huber: Präziser nach 31 Jahren. Ich fühle etwas Wehmut. Aber im Moment stehen noch allerlei Gottesdienste und Abschiedsfeiern an, sodass ich für solche Gedanken kaum die Zeit finde.
Wie hat sich die Kirche in diesen 31 Jahren verändert? Sie waren ja nicht nur Pfarrer, sondern auch Synodalratspräsident der Kantonalkirche und vieles mehr.
Die Kirche steht nach wie vor mitten im Dorf. Darauf habe ich Wert gelegt und dazu beigetragen, indem ich mich am öffentlichen Leben beteiligt habe. Vor dreissig Jahren habe ich das Präsidium des FC Wangen übernommen und später als Fussballer mitgespielt. Die vielen Kontakte und Begegnungen, die man im Dorf macht, bilden die Basis für die Verankerung in der Gemeinde.

Ist das ein Rezept, wie Kirche die Menschen ansprechen kann?
Auch im Medienzeitalter führt kein Weg an der direkten Begegnung vorbei. Für uns bedeutet dies, Besuche machen und dorthin gehen, wo die Menschen leben und mit ihnen zu feiern, wenn sie festen, und zu trauern, wenn sie traurig sind. Diese Beziehungen sind immer noch das Kapital der Kirche, mit dem sie nicht wuchern sollte.
Wie hat sich der Pfarrberuf in den 31 Jahren verändert?
In unserer Kirchgemeinde, der Kirchgemeinde Olten, arbeiten alle sechs Pfarrer und Pfarrerinnen zu 100 Prozent. Sie sind ganz für die Gemeinde da. Das geschieht immer seltener. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer 40- oder 50-Prozent-Stelle zu arbeiten. Aber Teilzeitstellen liegen auch in der Kirche im Trend.

Damit verändert sich das Pfarrbild.
Ja, der Pfarrer als Allrounder, der permanent für seine Gemeinde präsent ist, stirbt langsam aus. Der Trend geht im Pfarramt zum Spezialisten, der sich die Zeiten für die Arbeit reserviert, aber daneben sein Privatleben pflegt. Bei mir sind Privatleben und Gemeindearbeit ineinandergeflossen. Ich wollte da keine Grenze ziehen.

Wird der Pfarrerberuf langsam zum Berater mit festen Bürozeiten?
Das möge der Allmächtige hoffentlich verhüten! Die Leute erwarten, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin für sie da ist und ihnen zuhört, ohne finanzielle oder andere Interessen. Es wäre schade, wenn dies verloren geht.

Verliert die reformierte Kirche durch die Veränderung des Pfarrbildes ein Stück weit ihre Identität?
Ja, das offene, gastfreundliche Pfarrhaus als kultureller und sozialer Ort verliert an Bedeutung. Hält die Kirche jedoch am traditionellen Pfarrbild fest, fehlt ihr der Kadernachwuchs. Ähnlich wie in der katholischen Kirche. Ich bedauere diese Entwicklung, aber vermutlich müssen die Kirchen da dem gesellschaftlichen Druck nachgeben.

Die Kirchen werden kleiner und haben weniger Geld. Wie sehen Sie die Zukunft der Reformierten?
Klar, die nackten Zahlen zeigen das so. Die demografische Entwicklung und die Überalterung gehen in diese Richtung. Doch die Entwicklung ist nicht eindeutig. Mit unseren Angeboten sprechen wir heute mehr Leute an als noch vor zwanzig Jahren.

Wirklich?
Eindeutig. Die Gottesdienste sind besser besucht und wir bieten mehr Aktivitäten an. Doch die Anstrengungen und der Aufwand, um den Leuten etwas zu bieten, sind deutlich gestiegen. Man muss ständig am Ball sein, Neues planen und sich vernetzen, damit die Leute in die Kirche kommen. Nur schon wenn ich an die Hochzeiten denke. Früher gab es ein Traugespräch, in dem man den Ablauf der Trauung festlegte. Heute gibt es etliche Vorgespräche und unzählige Mails. Die Erwartungen steigen. Hoher Aufwand bedeuten auch die kirchlichen Feiertage wie Pfingsten oder Karfreitag. Man könnte klein beigeben und das Engagement zurückschrauben. Allen Resignierten jedoch würde ich zurufen: Es lohnt sich, einen tollen Gottesdienst zu planen. Die Besucher schätzen dies nach wie vor und kommen in die Kirche. Zurück zu Ihrer Frage: Ich bin überzeugt, auch eine kleinere Kirche kann den Menschen Halt und Gottes Wort, Trost und Fröhlichkeit geben. Das ist unsere Kernaufgabe.

Wie sieht es bei Erich Huber im November aus? Haben Sie Projekte?
Ich mache Stellvertretungen. Darüber hinaus ist noch vieles offen. Vielleicht schreibe ich ein Buch. Das soll keine Drohung sein.


Abschiedsgottesdienst von Pfarrer Erich Huber, 25. Oktober, 10 Uhr, ref. Kirche, Wangen


Zum Bild: Die reformierte Kirche in Wangen: Seit 31 Jahren Heimat für Erich Huber. | Kissling

Interview: Tilmann Zuber


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