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«El apostata» gegen den Rest der Welt zumindest gegen die katholische Kirche

01.01.2016
Am «Zürich Film Festival» läuft derzeit «el apostata»: Der ewige Student Gonzalo Ordnung sucht in seinem chaotischen Leben sucht und will sich endlich von Mutter Kirche lösen will. Rezension eines langatmig-skurrilen Films.

Wie ein kleiner verlorener Junge schaut der bärtige Gonzalo in die Kirche, in der er vor knapp 30 Jahren getauft wurde. Im Gotteshaus bewegt er sich so bedächtig, dass es scheint, als ob er sich kurz in seine Kindheit zurückversetzt fühle. Vom Pfarrer, der ihn getauft hat, wird er nicht mehr erkannt.
Das Gefühl von Vergänglich- und Unbedeutsamkeit kommt auf. Aber auch Mitleid mit dem ewigen Studenten, der nur eines will: «El apóstata»* werden, um in seinem sonst chaotischen Leben wenigstens etwas Ordnung zu schaffen. Doch in der spanischen Hauptstadt scheint dieses Vorhaben gar nicht so einfach durchsetzbar, wie ihm bald klar wird.

Kirchenaustritt nicht ganz so einfach
Gonzalo, in schmuddeligen Kleidern wie seine Wohnung gekleidet, wird weiter zum Bischof verwiesen, den er im Kreuzgang trifft. In einer etwas skurrilen Szene nimmt der Gottesmann ihn am Arm und läuft im Kreis, wobei er ihm Fragen zu seinem Vorhaben stellt.

Das erwartete einfache Abwickeln des Kirchenaustrittes entpuppt sich jedoch schwerer als erwartet. «Als früher jemand aus der Kirche austreten wollte, geschah das feierlich. Er musste mit Blick auf den Altar rückwärts aus der Kirche laufen», erklärt ihm der Bischof. «Bonito» ist die trockene Antwort des Studenten.

Der Film ist glücklicherweise mit solch trockenem Humor grundiert, welcher der Langatmigkeit etwas Leben spendet. Das Gespräch entpuppt sich für den Studenten als frustrierend. Der Bischof hat manipulativ überzeugende Gründe, die gegen einen Austritt sprechen. Trotz der Erklärung, dass die katholische Erziehung für den jungen Mann traumatisierend gewesen sei und er deshalb nicht mehr im Taufbuch stehen wolle. Ab diesem Moment beginnt Gonzalos Kampf gegen die Kirche.

«Dramaqueenmässig»
In seiner Wohnung angelangt, besucht ihn seine Cousine. Sein bisher scheinbar unbeflecktes Wesen wird ab dieser Szene ins Gegenteil verwandelt. Und es trifft den Zuschauer hart ins Gesicht. Denn als sie sich bei ihm schlafen legt, schaut er ihr unverfroren zu, wie sie sich auszieht und legt sich ebenso nackt zu ihr ins Bett und beginnt sie anzufassen, wobei sie nicht überrascht reagiert. Die Frage kommt auf, ob die katholische Erziehung Grund für deren sexuelle Störung sei.

Der Bärtige ist auf der scheinbar verlorenen Suche nach sich selbst, was sehr schön, aber skurril durch immer öfters vorkommende Tagträume untermalt wird. Seine Mutter reagiert «dramaqueenmässig» auf sein Vorhaben des Kirchenaustrittes. Sie nennt ihn deswegen einen Egoisten, beginnt übertrieben zu weinen und hört nicht auf, bis der Sohn sie tröstet, wie eine Mutter einen Sohn trösten würde.

Die Kirchenvorsteher, denen er ein Ultimatum stellt à la «Entweder ihr lasst mich aus der Kirche austreten oder ich erkläre euch den Krieg», erscheinen ihm auf einmal riesig und essen am Tisch Pouletschenkel, als er den Antrag für die Apostasie unterschreiben soll. Dabei beginnt er am ganzen Leib zu zittern und wird von vermummten Gestalten weggeschleppt. Danach läuft er einmal durch ein Gebäude mit Kirchengegnern und durchquert einen Garten Eden natürlich voller nackter Menschen.

Rebellieren, schnauben und tagträumen
Da ist aber zum Glück noch der Nachbarsjunge Antonio mit seiner hübschen Mutter. Das einzig normal Erscheinende im ganzen Film ist die Nachhilfe, die er dem kleinen Jungen gibt. Wieder anormal ist die Blindheit, die der Bärtige an den Tag bringt, was die hübsche Mutter betrifft. Am liebsten würde man ihm zurufen, wieso er sie denn nicht endlich zum Abendessen einlädt, da sie ihn eindeutig interessant findet.
Gleichzeitig und fast wichtiger könnte er somit sein krankes Begehren seiner Cousine endlich hinter sich lassen. Und nebenher läuft der Kampf mit der Kirche weiter, die schlussendlich seinen Antrag ablehnt und ihm somit die Entscheidungsfreiheit nimmt, die Gott dem Menschen geschenkt hat, wie der Bischof anfangs so schön sagte.

«El apóstata» gibt sein Vorhaben bis zum bitteren Filmende nicht auf, stapft wütend umher, rebelliert und schnaubt, tagträumt und rennt, bis er seine Apostasie feierlich vollführen kann vielleicht.

* Der aus dem Griechischen abstammende Begriff, bezeichnet jemanden, der sich in einer feierlichen Art und Weise von der Religion abwenden will.

«el apostata» läuft noch am 29.9. um 21.30 Uhr im Zürcher Filmpodium.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Kirchliche Preisträger
Am Zürich Filmfestival sind drei weitere Filme zu sehen, die 2015 von kirchlichen Jurys ausgezeichnet wurden: «Paradise» (Iran, Deutschland 2015) bekam im August den Preis der Ökumenischen Jury in Locarno. Mit «Wednesday, May 9» (Iran 2015) steht ein zweiter iranischer Film auf dem Programm. Regisseur Vahid Jalilvand durfte sich vor zwei Wochen in Venedig über die Auszeichnung der evangelischen Interfilm-Jury freuen. Der dritte Film aus der Reihe der kirchlichen Preisträger ist «Bob and the Trees» (USA, Frankreich 2015). Der Film wurde im Juli von der Ökumenischen Jury in Karlovy Vary ausgezeichnet.


Zum Film: Der austrittswillige Gonzalo mit dem Bischof im Kreuzgang.
Zürich Film Festival

Francesca Trento / ref.ch / 28. September 2015


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