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Kein Säulenheiliger, sondern Mensch

01.01.2016
Vor 70 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager ermordet. In «Jener volle Klang der Welt» bringt Vera Bauer den Menschen Bonhoeffer mit all seinen Zweifeln und Sehnsüchten näher.

Dietrich Bonhoeffer gilt als einer der bekanntesten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Aufgrund seines Leidensweges, seiner konsequenten Haltung und seinem Widerstand gegen die Nationalsozialisten wird er als reformierter Heiliger gefeiert. «Er sei ein Heiliger im evangelischen Verständnis», äusserte der Deutsche Bischof von Berlin-Brandenburg Wolfgang Huber zum 100. Geburtstags des Theologen.

Kein Säulenheiliger
Anlässlich des 70. Todesjahres wird in Dornach und Olten «Jener volle Klang der Welt» aufgeführt. Die Sprecherin Vera Bauer und der Violinist David Goldzycher schaffen in ihrem Programm die Begegnung mit dem Menschen Bonhoeffer. Dabei stützen sie sich auf die Briefe, die der Theologe während der 24 Monate langen Haft schrieb. Für Vera Bauer sind die Gefängnisbriefe besonders eindrücklich, da sie vom tiefen Vertrauen in den Freund Eberhard Bethge geprägt sind.
Bauer erhebt Bonhoeffer nicht zum Säulenheiligen. Im Gegenteil,
«Jener volle Klang der Welt» zeigt Bonhoeffers Ringen mit seinen Selbstzweifeln und Ängsten, auch mit der Sehnsucht nach seiner Verlobten. «Zugleich übernimmt Bonhoeffer in jeder Lebenssituation von Neuem mutige Verantwortung. Christsein heisst für ihn, im konkreten Hier und Jetzt ganz Mensch zu sein und sich somit dem Unrecht aktiv entgegenzustellen.» Gerade dies mache ihn als Märtyrer so glaubwürdig.

Begegnung mit Karl Barth
Bonhoeffers Weg in den Widerstand war keineswegs vorgezeichnet. In einer grossbürgerlichen Familie aufgewachsen, studiert er Theologie und doktoriert mit 22 Jahren. Sein Glaube ist von der lutherischen Theologie geprägt. Die Kirche sollte sich nicht in politische Belange einmischen. Die Begegnung mit den Kirchen der Schwarzen in den USA und dem Schweizer Theologen Karl Barth ändert sein Denken grundlegend. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten und die Gleichschaltung der Kirche mit dem NS-Staat treibt Bonhoeffer in den Widerstand. 1943 wird er verhaftet. Am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, wird er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.
Gegen was würde Bonhoeffer heute Widerstand leisten? «Heute würde er uns mit der Frage konfrontieren, wie wir mit dem Leiden und Elend der weltweit Verfolgten umgehen sollen», meint Vera Bauer. «Das Sein für andere war der Kernpunkt seiner Theologie.»


Zum Bild: Vera Bauer zeigt den Menschen Bonhoeffer mit all seinen Facetten. | Hoigne

Tilmann Zuber


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