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Schwyzer Kirchentag zog 800 Besucher an (1)

01.01.2016
Gegen 800 Besucherinnen und Besucher kamen am Abstimmungssonntag zum Schwyzer Kirchentag nach Rothenthurm, darunter zahlreiche Prominente aus Politik und Kirche. Sie erlebten dort, dass das Motto des Anlasses «miteinander Kirche sein» kein Lippenbekenntnis war.

Die Evangelisch-reformierte Kirche Kanton Schwyz gehört zu den kleineren Kantonalkirchen. Doch am Kirchentag, der gestern in Rothenthurm stattfand, richtete sie mit grosser Kelle an. Unzählige Anlässe standen auf dem Programm: Zwei Gottesdienste, welche Pfarrerinnen und Pfarrer des Kantons, Chöre und Jugendliche gestalteten. Daneben ein Musik-, Kinder- und Jugendprogramm mit dem Beat-Boxer Miquel Camero sowie verschiedene Workshops. Die Kirchgemeinden präsentierten an Ständen ihr Angebot.

Gegen 800 Gäste, teils aus den angrenzenden Kantonen, besuchten die Veranstaltungen. Rund 500 Besucher nahmen am Eröffnungsgottesdienst teil. Symbolisch rissen die Pfarrerinnen und Pfarrer eine Mauer ein. Sie riefen dazu auf, die Kirche zu öffnen, mit den Steinen Tische zu errichten und «lebendige Steine» zu werden, auf denen die Gemeinschaft aufbauen könne. «Wenn die Kirche für andere einen Platz offenhält, ist sie wahrhaftige Kirche», sagte Ralf Zimmer, Pfarrer in March.

Mehr Profil zeigen
Den Höhepunkt am Nachmittag bildete die Podiumsdiskussion. Prominente Vertreter aus Kirche, Politik und Wissenschaft nahmen auf der Bühne Platz. Unter dem Titel «Konservieren, renovieren, reformieren?» stellte der Moderator und Zukunftsforscher Andreas M. Walker die Frage nach der Zukunft der Reformierten. Für Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, steht fest, dass die reformierte Kirche kleiner, ärmer und überaltert werde. Als Konsequenz müssten die Kantonalkirchen stärker zusammenarbeiten. Locher will keine uniformierte Kirche, sondern eine profilierte, die ihren christlichen Glauben bezeuge. Im Gegensatz zu anderen Ländern hätten die Schweizer Hemmungen, ihren Glauben zu zeigen, konstatierte Locher. Er selbst will Vorbild sein: Der Kirchenratspräsident tritt öffentlich mit einem Kreuz auf, das er um den Hals trägt.

Fulbert Steffensky warnte vor zu viel Profilierung, welche zurzeit die katholische wie auch die reformierte Kirche forderten. «Profilierung klingt nach Neurose», so der Theologe und Publizist. Die Kirche solle «mehr zu dem stehen, was ihr lieb und schön sei.» Mit der eigenen Begeisterung könne man andere anstecken. Steffensky sieht für die kleineren Volkskirchen die Chance, sich zu befreien und entschiedener aufzutreten. «Die Kirche wird nicht mehr allen Herren dienen müssen», erklärte er. Steffensky erinnerte an die zwei Weltkriege, in denen die Kirchen Kanonen segneten und die Kriege rechtfertigten. Auf den Zusammenhang zwischen Alter und Glauben angesprochen, witzelte Fulbert Steffensky, er könne die Redensart «Wenn das Gebiss wackelt, wird der Glaube stärker» nicht bestätigen. Doch sein Hunger nach Glauben wachse und er erlebe, wie stark die Tradition und die Bibel seinen Glauben tragen.

Zum Stichwort «Liebe und Schönheit» des Glaubens konterte Claudia Bandixen, Direktorin von Mission 21, die Kirchen müssten auch unliebsam auftreten und deutlich nein sagen, wenn beispielsweise Islamisten in Afrika Frauen und Kinder versklavten.

U-Boot-Christen
Der Schwyzer Regierungsrat André Rüegsegger, der am Abstimmungssonntag den Kirchentag besuchte, meinte, die Kirchen müssten sich auch in Zukunft für die Werte und das gemeinsame Zusammenleben einsetzen. «Doch welche Werte?», fragte der Religionssoziologe Jörg Stolz. Bis in die 60er-Jahre sei die Gesellschaft christlich geprägt gewesen. Heute sei sie pluralistisch und die Kirchen hätten ihr Monopol eingebüsst. «Die Kirchen müssen aufpassen, dass sie mit ihrem Angebot nicht untergehen.»

Studien hätten gezeigt, so Stolz, dass die Reformierten ihre Kirche «als eine für die anderen sehen». Die Kirche solle sich um die Randständigen, Betagten, Trauernden und Flüchtlinge kümmern. Die Reformierten selbst verstünden sich als U-Boot-Christen, die an Weihnachten auftauchen und dann wieder verschwinden. «Dieser Aspekt zwingt die Kirchgemeinden, ihre Angebote spezifisch auf einzelne Gruppen auszurichten.»

200 Helferinnen und Helfer
Die Idee für einen Schwyzer Kirchentag entstand vor bald drei Jahren. Die Vorbereitungsarbeit sei immens gewesen, erzählt Birgit Hohneck Ziltener, Präsidentin des Organisationskomitees. Rund 200 Helferinnen und Helfer unterstützten den Anlass. Mehr als 70 Sponsoren sicherten ihre Beiträge zu. Der Einsatz hat sich gelohnt. Der Präsident der Schwyzer Kantonalkirche Heinz Fischer meinte gestern Abend, er brauche noch Tage, um all die positiven Begegnungen zu verarbeiten. Regierungsrat André Rüegsegger und Kirchenbundspräsident Gottfried Locher zeigten sich beeindruckt von den zahlreichen Besuchern und der Breite der Veranstaltungen.

In seinem Grusswort äusserte der Präsident der Katholischen Kantonalkirche Schwyz Werner Inderbitzin seine Begeisterung. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei es unmöglich gewesen, dass ein Katholik auf einem reformierten Kirchentag auftrete, sagte er. Er denke darüber nach, einen solchen Anlass ökumenisch zu organisieren. Die Kirchen sollten gemeinsam für ihre Botschaft von Frieden und Völkerverständigung eintreten.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: «Konservieren, renovieren, reformieren?»: Kirchenbundspräsident Gottfried Locher (links) und Zukunftsforscher Andreas M. Walker machen sich Gedanken über die Zukunft der Reformierten.

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 19. Oktober 1015


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