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«Man hat das Gefühl, an der Front zu sein»

01.01.2016
Vom Theologen zum Startup-Unternehmer: Philipp Zimmermann erzählt über die Lektionen, die er dabei gelernt hat, was es heisst, sein Erspartes auf eine Karte zu setzen, und wie die Kirche besser kommunizieren könnte.

Für das Interview lässt er sein Karate-Training sausen. Karate und seine Leidenschaft fürs Segeln schaffen einen Ausgleich zum sonst hektischen Arbeitsalltag. «Manchmal frage ich mich schon, wie all die Arbeit zu schaffen ist», sagt er.

Zimmermann ist in der Privatwirtschaft tätig und ehemaliger Jungunternehmer. Beinahe wäre der heute 39-Jährige aber Pfarrer geworden. Nach dem Vikariat hatte er eine Teilzeit-Pfarrstelle in der Stadt Zürich in Aussicht.

Bei Pfarrer Sieber gestartet
Aber dann kam alles ganz anders. Stattdessen wurde er Kommunikationsberater beim Sozialwerk von Pfarrer Sieber. Die Organisation des 80. Geburtstags des umtriebigen Pfarrers meisterte er mit Bravour. So ganz nebenbei habe er auch die Spendeneinnahmen des Werkes um 74 Prozent gesteigert, wie man auf seinem «LinkedIn»- Profil liest. Während dieser Zeit schloss er eine PR-Ausbildung beim Swiss Public Relations Institute ab.
Danach nahm er an einem Trainee-Programm der Chemiefirma Dow teil. Der Einstieg war nicht so leicht: «Das war eine ganz neue Welt. Da habe ich manchmal auch angeeckt und musste ganz neue Umgangsformen lernen.»

Die Trends mitkriegen
Er blühte auf in dieser dynamischen Umgebung. Später folgten der MBA und ein neuer Job in der Nähe von Lausanne. Bald kam die erste Beförderung. Nur eine Woche danach entschied er sich aber gegen die Karriere bei der Eaton Corporation und für den risikoreichen Einstieg beim Startup Swiss Fresh Water.

Diese Firma produziert kostengünstige und wartungsarme Wasseraufbereitungsanlagen für Schwellenländer. Zimmermann investierte sein Erspartes, so fest war er von dieser nachhaltigen Idee überzeugt. «Die Arbeit in einem Startup ist inspirierend. Man hat das Gefühl, an der Front zu sein und Trends mitzukriegen, die die Welt verändern werden», sagt er.

Bald aber landete er auf dem Boden der manchmal harten Startup-Realität. Einiges lief nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte, und das Aussteigen war trotz guter Verträge nicht einfach. Schliesslich kam er mit einem blauen Auge davon. «Eine lehrreiche Lektion», wie er rückblickend sagt.

Mehr Pioniermentalität
Bei der Frage, was die Kirche von der Startup-Kultur lernen könnte, kommt er ins Grübeln. «Zentral ist bei einem Startup die win-win-Mentalität. Ich muss dem Kunden etwas bieten und den richtigen Hebel finden, damit es ihm und meinem Unternehmen etwas bringt.»

Manchmal würde es den Kirchgemeinden auch gut tun, mit «Pioniermentalität» ein neues Projekt zu lancieren, um erst dann herauszufinden, ob es funktioniert oder nicht. Sonst vermisse er aber nichts in der Kirche: «Ich mag den Gottesdienst genau so, wie er ist, natürlich abhängig auch vom Pfarrer. Genau weil es gleich bleibt, gefällt es mir.»

Stellung beziehen
Was würde er bei der Kommunikation der reformierten Kirchen ändern? Gemäss Zimmermann, der heute in einem KMU arbeitet, sollte sich die Kirche mehr zum Fenster hinauslehnen und öffentlich Stellung beziehen. Zum Beispiel gegen politische Kampagnen, die sich explizit gegen die Menschenrechte wenden. Das steht für ihn im klaren Kontrast zu den christlichen Werten. «Wenn nicht die Kirche etwas dazu sagt, welche Instanz dann?»

Mit dieser Thematik trifft er den Nerv der Zeit. Erst Anfang November hat der Kirchenbund das Papier «Sorgt für das Recht! Über das Verhältnis von Demokratie und Menschenrechten» herausgegeben. Nun müsste aus Zimmermanns Sicht eine öffentliche Kampagne dazu gestartet werden.

Vielleicht doch wieder Pfarramt?

Könnte er sich vorstellen, wieder für die Kirche zu arbeiten? Zimmermann schmunzelt: «Meine Partnerin würde gerne in einem Pfarrhaus leben.» Im Ernst: Ganz möchte er die Option nicht ausschliessen. Seine unternehmerischen und kommunikativen Fähigkeiten wären der Kirche in diesen Umbruchszeiten sicherlich von Nutzen.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Zum Bild: Ein Theologe hart am Wind: Philipp Zimmermann arbeitet heute in der Wirtschaft.
Foto: zvg

Nathalie Dürmüller / ref.ch / 3. Dezember 2015


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