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Die Türme zeigen zum Himmel, Christus aber zeigt nach unten

01.01.2016
Eine Erwiderung auf das Interview mit Thomas Hürlimann.

Im Kirchenboten vom Dezember 2015 hat Thomas Hürlimann über den Zustand der christlichen Kirchen räsoniert. «Nachgedacht» ist zu viel der Ehre für seine pamphletistischen Äusserungen. Sie gipfeln in dem Satz: «Als rot-grüne Partei hat auch die reformierte Kirche keine Überlebenschance, und das ist gut so.» Dieser Satz ärgert mich nicht. Ich halte ihn einfach für albern-konfessionalistisch. Ich glaube nicht, dass er ihn in Einsiedeln gelernt hat.
Was aber ärgert mich? Zunächst seine Behauptung, die Abschaffung der tridentinischen Messe «war die mutwillige Vernichtung eines grandiosen sakralen Kunstwerks» und die christlichen Kirchen hätten sich vom Mysterium losgesagt. Meine Eltern, einfache katholische Leute, die kein Latein verstanden, haben ein Leben lang das «grandiose sakrale Kunstwerk» ertragen, ohne ein Wort zu verstehen. Sie haben halt den Rosenkranz gebetet während des «Kunstwerks» und haben darauf gewartet, bis es vorbei war. Was hat man ihnen angetan und was hat man ihnen vorenthalten? Die tridentinische Messe mag in ihrer Unverständlichkeit zwar sehr religiös gewesen sein und alle Ästheten, die Latein konnten, erfreut haben. Ob sie christlich war, ist eine andere Frage. Ich würde gerne ganz unmystisch fragen, aus welcher Bevölkerungsschicht die kommen, welche Bildung und welches Einkommen die haben, die das grandiose Kunstwerk so erfreut. Mystik ist Tiefe des Verstehens, nicht Unverständlichkeit. Gegen das lateinische Gemurmel, das nur die Elite versteht, halte ich es lieber mit Paulus in seinem Streit gegen die Zungenredner in Korinth: «Wie soll der Unkundige das Amen sagen auf dein Gebet? Er weiss ja nicht, was du sagst.»
Was mich ärgert: Die Diffamierung der mühseligen Arbeit der Pfarrer und Pfarrerinnen. Menschen in diesen Berufen hatten es noch nie so schwer wie in diesen säkularen Zeiten. Nach Hürlimann haben sie sich zu Sozialhelfern, Politologen und Gutmenschen degradiert. Nebenbei: Gutmensch haben die Nazis Bischof Galen aus Münster genannt, der gegen die Tötung von Behinderten gepredigt hat. Bei den Gottesdiensten, so Hürlimann, «wird man von grassierndem Gutmenschentum geradezu unflätig belästigt.
Es geht um Afghanistan, um die Flüchtlinge, um alles Mögliche, nur nicht um Religion.» Aber die Türme der Kirchen «zeigen nicht in die Welt hinaus, sondern zum Himmel». Sehr steil, die Türme von Herrn Hürlimann! Christus zeigt eher auf die, von denen Herr Hürlimann im Gottesdienst nichts hören will, auf jene Afghanen, Flüchtlinge und das andere arme Gelumpe, das sich ungetröstet in dieser Welt herumtreibt. Gott und das Brot der Armen, Gott und das Schicksal der Elenden dieser Erde sind zumindest bei jenem armen Mann aus Nazareth nicht zu trennen. Wenn die Kirchen das vergessen, mögen sie religiös sein, christlich sind sie nicht. Wenn Herr Hürlimann die Bibel liest, wird er dazu einige einschlägige Stellen finden, lange braucht er nicht zu suchen.
Was mich ärgert: Die Diffamierung der Versuche der Kirchen, ihren Jahrhunderte alten Antijudaismus auch in der Musik los zu werden. In seinem «Bach-Erlebnis» störte Herrn Hürlimann, dass es vor der
Aufführung einer Passion «eine halbstündige Einleitung über den gefährlichen Antijudaismus, der in diesem Werk stecken soll» gab. Ja, eine solche Einleitung stört auch mein ästhetisches Empfinden. Aber mein ästhetisches Gemüt ist nicht das letzte. Es ist eine bittere Wahrheit, dass auch mein über alles geliebter Bach Kind seiner judenfeindlichen Zeit war. Mögen auch solche Versuche, damit umzugehen, oft plump und hilflos sein. Das Verschweigen zugunsten der Ästhetik ist das Verschweigen einer bitteren Wahrheit.
Was mich nicht nur ärgert, sondern mir den Atem verschlägt, ist der Schlusssatz des Interviews: «Die brechend vollen Moscheen, wo glühend gläubig zum Krieg gegen uns Ungläubige aufgerufen wird, lassen mich Schlimmes befürchten.» Es ist nicht zu bezweifeln, dass es solche Moscheen gibt. Zugleich lässt mich der Satz von Hürlimann um es mit seinem Ausdruck zu sagen Schlimmes befürchten. Welcher Gesinnung leiht diese globale Behauptung ihre Stimme? Unterscheidet sich dieser Satz von den Sätzen der Pegida-Anhänger in Dresden? Welche Verleumdung all der frommen muslimischen Männer und Frauen, die in der Sprache ihres Glaubens Gott loben! Wir Christen haben keinen Alleinvertretungsanspruch auf das Lob Gottes. Dies nicht zu wissen, hat schon viel Blut flies­sen lassen.
Ich habe mich gerade bei diesem letzten fremdenfeindlichen Satz gefragt, ob er im Kirchenboten, einem reformierten Blatt, gedruckt werden dürfe. Doch, er soll da stehen, wie Herr Hürlimann ihn gesagt hat. Aber auf diesen groben Klotz gehört ein grober Keil.


Zum Bild: Glasfenster in der Kathedrale Notre Dame in Chartres: Das grandiose sakrale Kunstwerk aus dem Mittelalter ist heute so verständlich wie die tridentinische Messe. | wikipedia

Fulbert Steffensky

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