Logo

«Da ist Gott manchmal der Einzige, der noch bleibt»

01.01.2016
Fällt die Zellentür in der Untersuchungshaft zu, ändert sich die Welt. Allein, sich selbst überlassen, abgeschnitten vom Umfeld, wartet man auf eine unsichere Zukunft. Eine schwierige Situation, meint der Gefangenenseelsorger Jürg Kägi. Vor allem in den Adventstagen.

Wie ein Wehrturm erhebt sich das graue Untersuchungsgefängnis am Rande der Aare-Stadt. Sieben Stockwerke hoch. Durch den Stacheldrahtzaun und die vergitterten Fenster wirkt das Gebäude noch ungastlicher.
Am Dienstagmorgen passiert Jürg Kägi jeweils die Sicherheitskontrolle. Kägi ist seit 17 Jahren Gemeindepfarrer in Gerlafingen, daneben betreut er das Untersuchungsgefängnis Olten. Das Leben in der Haft war dem Pfarrer vor Stellenantritt nicht fremd. Nach dem Theologiestudium arbeitete er als Delegierter beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und besuchte politische Gefangene in Kuwait, Palästina/Israel und Uganda.

Ein Stück Himmel hinter Gittern
Die Insassen sind während der Untersuchungshaft vollkommen von der Umwelt abgeschnitten. Beim Eintritt werden ihnen die persönlichen Gegenstände und das Bargeld abgenommen. 23 Stunden sind die meisten in ihrer Zelle eingeschlossen. Das Essen wird durch die Lücke in der Tür gereicht. Die Zelle sei «korrekt», kommentiert Kägi trocken. Ein Bett, Stuhl, Fernseher, WC und Lavabo und ein Spiegel aus Blech. Die Fenster sind vergittert, lassen kaum den Blick ins Freie zu. Ohne den Fernseher wäre die Langweile nicht auszuhalten, meint Kägi. «Da würde ich durchdrehen.»
Einmal pro Woche dürfen die Insassen fünf Minuten telefonieren, hält die Hausordnung fest. Dienstags und freitags wird geduscht. Die Wände sind mit Kritzeleien übersät. Täglich dürfen die Häftlinge für eine Stunde nach draussen. Spaziergang im tristen Hof im sechsten Stock, von Mauern umgeben. Ein Stück Himmel zeichnet sich durch das Gitter ab.
Hier in Olten stammen etliche von Kägis Klienten aus Osteuropa, dem Balkan oder aus Afrika. Sie warten auf ihre Verurteilung, meist wegen Einbrüchen oder Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Manche werden nach kurzer Zeit verlegt. Andere sitzen hier bis zu einem Jahr.
Die meisten seiner Seelsorgegespräche führt der Pfarrer im Besucherzimmer. Das Fenster gibt den Blick frei auf ein Stück Rasen. Im Sommer blühen da die Blumen, Eid-echsen huschen vorbei. Kägi spürt, wie gut den Insassen dieses Grün tut. Es sei, als würden sie den Anblick aufsaugen. Als Jürg Kägi an Ostern einen blühenden Traubenkirschzweig aus dem Pfarrgarten mitbrachte und auf den Tisch legte, betrachteten ihn die Umsitzenden andächtig. Heimlich klaubten sie eine der Blüten ab und steckten sie ein. «Schönes hat hier hinter den Mauern Seltenheitswert», sagt der Pfarrer. Da könnten auch die Fotos der spärlich bekleideten Frauen an der Zellenwand nicht darüber hinwegtrösten.

Drehtüreffekt
In der Seelsorge spricht Jürg Kägi die Lebensgeschichte an. Oft folgen die Schicksale dem gleichen Muster: Aufgewachsen ohne Eltern, Heimkarriere, abgebrochene Lehre und Sucht. Aus dem Kreislauf auszubrechen, sei schwierig. Zu oft hört Kägi, draussen werde man neu beginnen, alles werde anders. Manche schafften das zwar, aber: Draussen warte das alte Umfeld, und es fehlten die strengen Tagesstrukturen der Haft. Manch einer werde rückfällig. Kägi spricht vom Drehtüreffekt. «Kaum ist man draussen, kommt man zurück. Ein Baum ohne Wurzeln kann nicht so leicht austreiben und blühen.» Umso wichtiger ist es dem Seelsorger, den Insassen zu vermitteln, dass sie im Gefängnis Menschen bleiben, selbst wenn sie das Umfeld als Verbrecher oder Bestie betrachtet. Und er ermutigt sie auch, therapeutische Massnahmen als Chance anzunehmen.

«Wasser der Kirche»
Der Glaube ist im Gefängnis ein Thema. Die Insassen haben Anspruch auf die Bibel oder den Koran. Afrikaner seien sehr religiös, meint Jürg Kägi. Ihr Glaube sei von magischen Vorstellungen geprägt. Sie erwarteten etwa, dass der Pastor sie aus dem Gefängnis heraus bete. Da muss Kägi passen.
Einst bat ihn ein Russe um einen Rosenkranz und das «Wasser der Kirche». Der 19-Jährige, der wöchentlich in die Seelsorge kam, war orthodox, seine polnische Grossmutter jedoch katholisch. Das «Unser Vater» murmelte der Russe auf Polnisch. Kägi wollte nicht einfach Leitungswasser mitbringen und wandte sich an den katholischen Kollegen. Mit Weihwasser, das er dem 19-Jährigen auf die Stirn und die Handflächen strich, segnete er ihn. Der Russe sei gerührt und unendlich dankbar gewesen.
Weihnachten feiern die Insassen in kleinen Gruppen. Gemeinsam sitzen sie um die Krippe. Anhand der Figuren erzählt Kägi die Weihnachtsgeschichte. Als er die Krippe mitbrachte, hätten ihm die Muslime die Bedeutung der einzelnen Figuren erklärt. «Hier in der Haft braucht es keine dogmatischen Diskussionen über Gottesbilder und Religion», sagt Jürg Kägi. «Da ist Gott manchmal der Einzige, der noch bleibt.»


Zum Bild: Gefängnisseelsorger Jürg Kägi: «Ohne den Fernseher wäre die Langeweile im Untersuchungsgefängnis nicht auszuhalten. | zuber

Tilmann Zuber


ÄHNLICHE ARTIKEL