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«Über Kindstod mag doch keiner sprechen» (3)

01.01.2016
Die reformierte Pfarrerin Heidi Müller begleitet seit Jahren Menschen, die ein Kind verloren haben. Ein Gespräch über die falschen Worte, langen Schmerz und die Angst der Gesellschaft vor dem Tod.

Frau Müller, was geht Menschen durch den Kopf, die ein Kind verloren haben?
Heidi Müller: Sie haben ganz starke Gefühle: Trauer, Schmerz, Wut, Scham. Viele fühlen sich schuldig, weil sie denken, sie hätten etwas falsch gemacht. Sie fragen sich: Habe ich mich falsch verhalten in der Vergangenheit? Habe ich etwas Schlimmes getan und werde jetzt dafür bestraft? Die innere Welt ist aus den Fugen, die Gefühle und Gedanken oft diffus. Viele Eltern sind auch wütend und fragen sich: Warum verliere gerade ich ein Kind?

Diese Prozesse dauern lange an.
Ja, über Monate, Jahre, Jahrzehnte. Das Erlebnis begleitet einen ein Leben lang. Und mit dem Verlust des Kindes geht ja nicht nur ein Mensch verloren, sondern mit ihm auch eine Zukunft. Bei manchen Eltern war es die letzte Chance auf ein Kind, andere haben sich schon auf ein Leben als Familie eingestellt und stehen nun vor der Leere. Ein Kindstod vernichtet Träume. Aber das ist beim Tod grundsätzlich Thema: Ein Teil der Zukunft stirbt, ein Teil des eigenen Lebens.

Welche Rolle spielen Sie als Pfarrerin in diesem Prozess?
Ich schaffe einen Raum für die Trauernden. Einen Ort, wo sie ihre Trauer und ihre Gefühle leben können. In unserer Gesellschaft ist der Kindstod und der Tod ganz generell tabuisiert. Das ist für Trauernde sehr schwierig. Weil viele Menschen in ihrem Umfeld überfordert reagieren. Sie wollen sich selbst nicht mit dem Thema konfrontieren und meiden die Betroffenen. Oder versuchen, zu helfen, aber sagen die falschen Dinge.

Wie zum Beispiel?
Sie versuchen, gute Ratschläge zu geben wie, «Ihr habt ja noch Chancen auf Kinder», oder «ihr seid doch noch jung». Doch ein ungeborenes Kind, das noch im Mutterleib stirbt, oder ein Kleinkind, das weg ist, ersetzt niemand. Deshalb ist es so wichtig, dass man diese Trauer als das annimmt, was sie ist. Und Zeit und Raum lässt. Frauen und Männer trauern anders, aber beide trauern. Und auch für Grosseltern und Geschwister ist das Thema wichtig. Ich versuche, für die Menschen da zu sein. Einfach zuzuhören und ihnen zu signalisieren: Hier nehmen wir dich ernst. Egal, wie lange deine Trauer dauert, sie ist in Ordnung.

Sie wollen also gar keine Lösungen anbieten?
Es geht nicht um Lösungen, sondern darum, die Leute dabei zu unterstützen, sich aufgehoben zu fühlen. Es sind so viele Eltern und auch Grosseltern und Geschwister davon betroffen. Doch kaum einer weiss davon. Die Spitäler führen teilweise jeden Monat Gottesdienste durch für die verstorbenen Babys. Mit unserem Gottesdienst wollen wir den Leuten sagen: Kommt, ihr seid nicht allein. Gemeinsam können wir das tragen.

Wie tragen Sie das konkret während des Gottesdienstes?
Wir führen Rituale durch. Wir haben beispielsweise Krüge für die symbolischen Tränen, die wir mit Wasser füllen. Die Angehörigen können die Namen und das Geburtsdatum des Kindes in ein Buch eintragen. Danach lesen wir die Namen vor allen nochmals laut vor. Damit wir diesen Wesen eine Stimme geben. Diese Kinder waren einmal da, sie sind real. Und wir wollen sagen: Es gibt Hoffnung auf ein Weiterleben dieser Kinder. Bei Gott sind sie nun aufgehoben. Und hier unten gehen sie nicht vergessen.

Kennen Sie das Vergessen aus eigener Erfahrung?
Ich hatte einen kleinen Bruder, Markus, er starb kurz nach nach der Geburt. Das war vor 50 Jahren. Damals hat man das totgeschwiegen. Es hiess, wenn Mama nach Hause kommt, solle niemand darüber sprechen, sonst werde sie traurig. Seine Asche wurde in eine Urne geschüttet und bei uns zu Hause auf den Schrank im Elternschlafzimmer gestellt. Wir drei Kinder haben die Asche irgendwann auf den Küchentisch geleert, als die Eltern beide aus dem Haus waren. So haben wir erfahren, was aus Markus geworden war. Für meine Familie ist der Umgang mit Markus Tod noch heute schwierig. In den 60er-Jahren ist man damit noch ganz anders umgegangen. Heute ist man sensibilisiert darauf, die Hebammen, die Seelsorgenden, Spitäler und die Kirchen sind es.

Warum ist es so wichtig, dass sich die Kirche diesem Thema annimmt?
Es mag banal klingen, aber der Umgang mit schwierigen Lebenssituationen und Tod ist doch das Kerngeschäft der Kirche. Es ist unsere Aufgabe, Verlust ernst zu nehmen und die Menschen abzuholen, sie in ihren schwierigen Zeiten aufzufangen und zu begleiten. Und wenn man das gemeinsam machen kann, als Gemeinschaft, umso besser.

Warum?
Weil die Erfahrung des gemeinsamen Trauerns tröstlich ist. Man realisiert: Andere Menschen haben die gleiche Erfahrung gemacht. Ich würde ohnehin dafür plädieren, den Abschied von Menschen öffentlich zu machen. Man darf den Tod nicht privatisieren. Er gehört in die Gesellschaft. So wird das Leid erträglicher.


Jeweils am 2. Sonntag im Dezember findet in der Lukaskirche Luzern: «Ein Hauch von Leben Ökumen. Gottesdienst für früh verlorene Kinder» statt. Nächste Feier: 11. Dezember 2016. Organisiert wird die Veranstaltung von der Frauenkirche Zentralschweiz.

Anna Müller

Links:
www.frauenkirche-zentralschweiz.ch


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