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«Die Religion ist die ältere Schwester des Theaters»

01.01.2016
Die Schriftstellerin Judith Kuckart hat sich überlegt, als Quereinsteigerin Pfarrerin zu werden. Darüber, über ihren Glauben und die Priester-Figuren in ihren Romanen erzählt sie bei einem Besuch in Zürich.

Ich treffe die Erfolgsautorin von mehreren Romanen, Theaterstücken und Hörspielen im Café des Kunsthauses. Der Ort leitet das Gespräch ein: das Schauspielhaus, in dem ihr Mann, der Dramaturg Stephan Wetzel, zu Zeiten Marthalers gearbeitet hat. Mit ihm kam sie 1998 nach Zürich, wo sie oft und gerne zu Besuch ist. Heute leben beide meist in Berlin.

Das Theater und die Religion Kuckart sieht darin Gemeinsamkeiten: «Religion ist die ältere Schwester des Theaters.» Im Theater wie auch im Gottesdienst sei man versammelt und warte gemeinsam. «Wobei in der Kirche nicht so viel Neues passiert», fügt sie hinzu und lehnt sich im Stuhl zurück.

«Dramatik bedeutet: warten, dass etwas geschieht. Dass die Schurken bestraft werden, die Liebenden sich finden, dass der Bote endlich eintrifft.» Auch in der Kirche werde eine Geschichte erzählt und die Gläubigen warten auf eine kollektive Erkenntnis.

Christliche Dramaturgie

Weitere Gemeinsamkeiten: dass der Pfarrer ein Kostüm trägt, in Monologen etwas Wichtiges verkündet und durch seine Haltung überzeugt. Bei Schauspielern sei die innere Haltung für die Glaubwürdigkeit ebenso zentral. Die christliche Dramaturgie bringt Kuckart so auf den Punkt: «Man versammelt sich zum immer gleichen Zeitpunkt, am gleichen Ort zum Warten. Das bedeutet, gerettet zu sein.»

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten war es für sie ein anderes Gefühl, einmal nicht auf der Bühne, sondern auf der Kanzel zu stehen. In Darmstadt lud sie der Pfarrer ein, im Gottesdienst zu predigen. «Das war schon komisch, oben auf der Kanzel zu stehen, das bin ich mich vom Theater her gar nicht gewohnt.» Es sei für sie eine neue Erfahrung gewesen, dass Menschen am Sonntagmorgen zusammenkommen im Namen des «anwesenden Abwesenden».

Quest? Nein

Längere Zeit hat sie mit dem Gedanken gespielt, den neuen Studiengang «Quest» in Angriff zu nehmen und Pfarrerin zu werden. Mit Quest soll der Quereinstieg für Spätberufene einfacher werden. Doch die Vorstellung «so viel Lebenszeit mit Altgriechisch und Althebräisch zu verbringen» war zu abschreckend. Am meisten würde sie am Pfarrberuf schätzen, in einer Gemeinde innerhalb des Alltags eine Anlaufstelle zu schaffen. «Das ist eine Basis, auf der man die Gesellschaft wenn vielleicht auch nur im Kleinen - verändern kann.»

Der Ursprung ihrer Faszination für die Religion liegt in der Kindheit. In Schwelm, wo sie aufgewachsen ist, wirkte ein junger Priester. Er ging die Jugendarbeit anders an. «Zum Beispiel hat er mit uns auch über Sexualität geredet und er fuhr Motorrad. Später heiratete er eine Nonne und wurde Altkatholik. Dabei dachten wir alle, er wird eines Tages Bischof.»

Glaube lebt und verändert sich
Man habe auch seine Zweifel gespürt und er war nicht frömmlerisch. Genau das hat ihn für Kuckart glaubwürdig gemacht. Zweifel kennt sie auch selbst. «Ja ich glaube manchmal aber auch nicht.» Glaube sieht sie als etwas, was lebt und sich verändert.

Die biblischen Geschichten, die sie als Kind verinnerlichte, haben ihre bildliche Vorstellungswelt und damit auch ihre Literatur geprägt. Sie ist überzeugt, dass sich Gesellschaft und Kunst verändern, wenn Kinder nicht mehr mit diesen inneren Bildern aufwachsen.

Reformiert werden?
Von ihren Lebenserfahrungen geprägt sind auch die Figuren in ihren Romanen. Gleich zwei Mal spielen Priester eine zentrale Rolle: in «Lenas Liebe» und ihrem 2013 erschienenen Roman «Wünsche», der sich bisher am meisten verkaufte. Wie die meisten ihrer Romanfiguren sind auch sie eher Antihelden als Helden. Sie erfüllen auch keins der Klischees, die Geistlichen sonst häufig anhaften. Das macht die Lektüre umso erfrischender.

Heute ist sie aus der katholischen Kirche ausgetreten, könnte sich aber vorstellen, wieder einzutreten. Oder vielleicht sogar reformiert zu werden? Kuckart zuckt mit den Schultern: «Glauben wir nicht alle an den gleichen Gott?»


Judith Kuckart
Judith Kuckart (56) begann ihre Karriere als Tänzerin und leitete später ihre eigene Tanzgruppe: das Tanztheater Skoronel. Mit dem Ensemble von sechs bis acht Schauspielern inszenierte sie von 1984 bis 1998 eine Mischung aus experimentellem Tanz und Theater. Von dort kam Kuckart zum Theater und zum Schreiben. Ihre Theaterstücke bringt sie häufig selbst zur Aufführung. Zuletzt sehr erfolgreich in Bremen mit «Und wann kommen die Elefanten?», einem Stück über die Verbindung von Naturwissenschaft und Religion.


Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «Interkantonaler Kirchenbote», «ref.ch» und «reformiert.».


Zum Bild: «Im Theater wie auch im Gottesdienst ist man versammelt und wartet gemeinsam», sagt Judith Kuckart.
Foto: Gisela Cäsar

Nathalie Dürmüller / ref.ch / 23. Dezember 2015


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