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«lslamischer Staat - das ist die Kopie Saudi-Arabiens»

01.01.2016
Nach der Hinrichtung des geistigen Führers Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien ist der sunnitisch-schiitische Konflikt voll entbrannt. Elham Manea, Arabien-Kennerin und Politologin der Universität Zürich, erklärt die Hintergründe.

Frau Manea, Sie sind verantwortlich für die Solidaritätsarbeit für den saudischen Blogger Raif Badawi. Wie kam es dazu?
Die Familie Badawi ist auf meinen unterhaltenen Blog, der sich für einen humanistisch ausgerichteten Islam stark macht, aufmerksam geworden. Sie haben mich gebeten, dass ich mich für Raif hier in der Schweiz einsetze. Mit der Zeit ist daraus eine Freundschaft entstanden.

Muss nun Raif Badawin nach der Massenexekution um sein Leben fürchten?
Saudi-Arabien ist unberechenbar. Aber nachdem das erste Urteil der Gotteslästerung gemildert und Raif Badawi nun wegen Beleidigung des Islams zu 1000 Peitschenhiebe verurteilt wurde, besteht keine unmittelbare Todesgefahr. Aktuell sind wir dennoch beunruhigt: Seit zwei Wochen ist jeglicher Kontakt zu Raif Badawi abgebrochen.

Sie sind ja nicht nur Menschenrechtsaktivistin, sondern befassen sich auch als Politologin der Universität Zürich mit Saudi-Arabien. Nach der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr scheint der kalte Krieg zwischen den beiden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran in eine heisse Phase überzugehen. Was kommt als Nächstes?
Vielleicht nimmt der Westen erst jetzt das Ausmass des Konfliktes zwischen Saudi-Arabien und dem Iran wahr. Aber zwischen den beiden Regionalmächten wechseln sich die heissen und kalten Phasen schon lange ab.


Wann hat dies angefangen?
Ein ganz einschneidendes Datum in der Beziehung beider Länder war 1979. Da wurde der Schah von Persien gestürzt und ein theokratischer Islam mit einer politischen Botschaft, kam mit Ayatollah Khomeini an die Macht. Sowohl aufgrund geopolitischer Interessen wie auch aus Gründen der religiösen Ideologie nehmen die Saudis den Iran als direkte Gefahr wahr. Mit Petrodollars rüsteten sie Saddam Hussein auf, mischten sich in den Krieg zwischen Iran und Irak ein. Das saudi-arabische Establishment ist mit seinem Tunnelblick fixiert auf einen expansiven Iran, der angeblich die ganze Region beherrschen will.

Das heisst wohl: Der hingerichtete schiitische Geistliche al-Nimr war aus dieser Optik heraus einfach der verlängerte Arm Teherans, obwohl er durchaus abweichende Positionen zum Iran formulierte - beispielsweise sich klar gegen den blutrünstigen, syrischen Diktator Assad aussprach?
Die Hinrichtung des Scheichs war nicht nur von aussenpolitischen Motiven geleitet. Sie begründet sich ebenso aus der innenpolitischen Situation. Wir müssen uns vorstellen, dass die schiitische Bevölkerung in Saudi-Arabien 15 Prozent ausmacht. Sie ist just dort sesshaft, wo die meisten Ölreserven von Saudi-Arabien liegen im Osten. Nach dem arabischen Frühling 2011 begehrten die saudischen Schiiten auf, wollten nicht länger Bürger zweiter Klasse sein. Scheich al-Nimr war der prominenteste Wortführer, der sich gegen die Diskriminierung der Schiiten auflehnte.

Woran macht sich die Zweiklassengesellschaft bemerkbar?
Bestimmte Berufe werden ihnen verwehrt. Unmöglich ist es, dass Schiiten als Lehrer Fächer wie Geschichte oder Religion unterrichten. Selbst in den Schulbüchern, aus denen die schiitischen Kinder lernen, wird ihre Religion als Irrlehre dargestellt. Nur wer zur sunnitischen Religion konvertiere, habe Hoffnung darauf, gerettet zu werden.

Es gibt also keinen wahren Islam ausserhalb des Wahhabismus?
Der religiöse Hass gegen jede andere Spielart des Islams ist für uns kaum vorstellbar. Das hängt auch mit der Geschichte zusammen. Das Königshaus Saud unterwarf alle andere Völker und Stämme, indem sie die dschihadistische Zweiteilung vornahmen: hier die Gläubigen, dort die Ungläubigen.

Eine Weltsicht, die sie mit dem sogenannten Kalifat des Islamischen Staates teilen.
Der IS ist das Kind des Wahhabismus. Seine rigide Geschlechtertrennung, sein Massakrieren von so genannten ungläubigen Männern, das Versklaven von Kindern und Frauen, das gehört alles zur Geschichte der Expansion des Königshauses Saud zwischen 1902 und 1934. Der IS musste nur Copy Paste machen, um das wahhabitische Gesellschaftsmodell zu kopieren. Als Zutat kam dann noch der politische Islam oben drauf.

Der Westen tritt gegenüber dem Land mit den weltweit grössten Ölreserven, das zudem eine geostrategische Schlüsselposition einnimmt, ziemlich lau auf. Menschenrechte bilden nicht die Richtschnur in der Beziehung zu Saudi-Arabien?
Natürlich wäre es schön, wenn der Westen seinen moralischen Kompass nach den Menschenrechten ausrichten würde. Aber die Menschenrechte wurden doch meist politisch instrumentalisiert. Halten wir uns lieber an die Realpolitik. Da wirkt sich der saudische Religionsexport seiner fundamentalistischen Ideologie als toxische Mischung aus, welche die islamische Welt von Indonesien bis Mali erschüttert und destabilisiert. Selbst der deutsche Bundesnachrichtendienst warnte jüngst in einem Report vor den globalen Gefahren, die von Saudi-Arabien ausgehen.

Wie sehen sie die Zukunft?
Die Kluft zwischen Moderne und Tradition treibt in der patriarchalischen Gesellschaft Saudi-Arabiens viele Widersprüche vor. Sozial wird der Staat wegen der rückläufigen Öl-Einnahmen immer weniger mit sozialen Wohltaten das Gefälle zwischen reich und arm kitten können. Gerade für die jungen Menschen in Saudi-Arabien, die die Mehrheit der Gesellschaft darstellen, wird es immer schwieriger, eine Arbeit zu finden. Schon in meiner Doktorarbeit sagte ich 2001 voraus: Das unter den Sauds zwangsvereinigte Saudi-Arabien zerfällt in verschiedene Staaten. An dieser These halte ich noch heute fest.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


Elham Manea
Elham Manea besitzt sowohl die Schweizer als auch die jemenitische Staatsangehörigkeit. 2001 erlangte sie ihren Doktortitel der Universität Zürich mit der Arbeit «Regional Politics in the Developing World, the Case of the Arabian Peninsula». Sie forscht über ihr Spezialgebiet des nahen Ostens am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Zürich.


Zum Bild: Saudi-Arabien: Nicht nur im Besitz der heiligen Stätten Mekkas, sondern angeblich auch des wahren Islams.
Foto: Wikipedia

Interview: Delf Bucher / reformiert.info / 11. Januar 2016


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