Logo

Begegnung mit eindrücklichen Zeitgenossen

01.01.2016
Mitte Januar hat die reformierte Kirche Olten ihre Jugendlichen zum speziellen Konf-Tag eingeladen. «Find it» lautete das Motto. Gefunden haben die Konfirmanden spannende Menschen, die aus ihrem Leben als Blinde und von den Slums in Manila berichteten.

«Wie suchen Sie sich denn Ihre Kleider aus?» «Und wie verlieben Sie sich, wenn Sie den anderen nicht sehen?» Cecile Streuli beantwortet geduldig die Fragen der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Ab und zu huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Infolge ihrer starken Kurzsichtigkeit, Blutungen an der Netzhaut und einer zusätzlichen Makula-Degeneration kann Cecile Streuli heute nicht mehr sehen. Zusammen mit ihrem Führhund meistert sie ihren Alltag. Davon erzählte sie den Jugendlichen.
Ihr Mut, das Gute und Schöne im Leben zu sehen, sich nicht zurückzuziehen, sondern Kontakte zur Familie und zu Freunden zu pflegen, steckt an. Schwanzwedelnd eilt Hund Camerio in der Pauluskirche hin und her. Sehr zur Begeisterung der Konfirmanden, die ihn gerne kraulen.

Menschen, die ihren Glauben profiliert leben
«Der Konfirmandentag soll die gemeinsame Identität der Jugendlichen und das Wir-Gefühl stärken», sagt Bruno Waldvogel. Im letzten Jahr hat der 54-Jährige das Pfarramt in Wangen übernommen. Der Tag solle die «Könfis», wie sie Waldvogel nennt, zum Unterricht motivieren. Der Anlass soll Verständnis wecken, um was es im Glauben geht, und die Jugendlichen inspirieren. «Sie lernen Menschen kennen, die den Glauben profiliert leben», fügt der Pfarrer hinzu.
Neben der Begegnung mit den beiden Gästen besuchten die Jugendlichen die Workshops, in denen sie aus Müll Kunst oder Musik machten, malten, einen Handy-Film drehten. Frei nach dem Slogan «Gott macht aus dem Abfall etwas Tolles». Den Abschluss des Konf-Tages bildete das kurze Theaterstück «Der verschwenderische Sohn», in Anlehnung an den verlorenen Sohn.

Ein Leben in den Slums
Eindrücklich erzählte Christoph Schneider aus seinem Leben in den Slums von Manila. Anhand von Zahlen illustrierte er, wie stark die soziale Ungerechtigkeit in der Dritten Welt ist. Auf den Philippinen verfügen 40 Familien über 76 Prozent des Bruttoinlandproduktes des Landes.
1988 kommt der Basler auf die Philippinen. Er will etwas Konkretes gegen die Not auf der Welt machen. Für Schneider bedeutet sein Glaube, mit den Armen zusammenzuleben und ihnen zu helfen. Schneider landet in den Slums, einen Steinwurf entfernt von der Abfalldeponie Payatas.
Unzählige Männer, Frauen und Kinder durchforsten die Müllhalden, die sich über mehrere Quadratkilometer erstrecken. Die Halde dient Menschen und Ratten als Lebensgrundlage. Wer jung ist, verkauft seinen Körper oder schliesst sich zu Jugendbanden zusammen. Sie stehlen und dealen. Den hungrigen Magen betäuben viele mit Alkohol, Drogen und Leimschnüffeln.
Schneider, der Krankenpfleger gelernt hat, lebt im Slum, dort, wo sich die Hütten aus Wellblech und Sperrholzplatten eng aneinander reihen. Er hilft, wo er kann. Manchmal muss er hilflos zusehen, wie Kinder und Jugendliche sterben. «Dabei bräuchte es so wenig und sie könnten weiterleben», erklärt er den Konfirmanden. «Es fehlt einfach das Geld für die Medikamente.»
Bei einem Aufenthalt in der Schweiz lernt Schneider seine Frau Christine kennen. Sie folgt ihm nach der Geburt des ersten Kindes, einer Tochter, in die Slums. Dort wird auch der Sohn geboren. Schneider zeigt den Jugendlichen Bilder aus dem Familienalbum: Vergnügt spielen da Tochter und Sohn mit den anderen aus dem Slum in den dreckigen Strassen.
Aus den ersten Hilfsleistungen ist inzwischen «Onesimo» entstanden. Das Sozialwerk betreibt in Manila eine Schule, therapeutische Einrichtungen und Berufskurse.
In der Pauluskirche rief Christoph Schneider die Jugendlichen auf, ihren Weg zu suchen und an sich zu glauben. Er selbst habe die Schule verlassen mit dem Gefühl, ein «Sprachidiot» und Versager zu sein. Dann habe er erlebt, dass Gott ihn brauche. Aus dieser Erfahrung sei ein Hilfswerk entstanden.

Zum Bild: Aus Abfall entsteht Kunst: Konfirmanden im kreativen Workshop. | Salvisberg

Tilmann Zuber


ÄHNLICHE ARTIKEL