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Ikonen wie du und ich

01.01.2016
Ikonen, das sind jene kostbaren Bilder von Heiligen, die man von der Orthodoxen Kirche kennt. Nicht so für Nina Gamsachurdia, die nicht einfach Ikonen kopiert, sondern mit traditionellen Tuchbildern (Mandylion) Neues schafft.

Madonna als zeitgenössische Ikone. Oder David Bowie? Nina Gamsachurdia findet diesen Gedanken nicht abwegig. Ja, er entspricht sogar im Wesentlichen jener Intention, die für die Ikonenmalerin Antrieb ist, Werke von grosser Kostbarkeit zu schaffen, die ihrem Gottesbild entsprechen. Dieses lautet: Gott in dir, in mir im Menschen.
Das, was man gemeinhin als «Ikone» kennt, nämlich jene Heiligendarstellungen der Orthodoxen Kirche, nennt die aus Georgien stammende Ikonenmalerin Nina Gamsachurdia ein ausschliessliches Kopieren von bereits vorhandenen Vorlagen. Dies entspreche aber nicht der ursprünglichen Tradition der Ikonenmalerei. Kunsthistorisch gründen die Ikonen, so Nina Gamsachurdia, auf den urchristlichen Tuchbildern (Mandylion). Diese wurden immer neu geschaffen und weiterentwickelt, aber nicht kopiert.
Die Legende vom Tuchbild Christi (Christusbild von Edessa) wurde im Frühchristentum als Bildwerdung Gottes interpretiert, als Materialisierung des Geistes, erzählt Nina Gamsachurdia. Für sie bildet sie heute die Legitimation, Tuchbilder von Menschen wie mir und dir zu gestalten. Als von Gott geschaffene Wesen wohnt der Schöpfergeist in uns oder im biblischen Kontext: Der Mensch ist ein Tempel Gottes.

Porträt-Ikone
In ihrem Atelier liegt ein dreidimensionaler Tuchabdruck eines Gesichts. Noch ist es erst ein farbloses Tuch. Im Gespräch mit den abgebildeten Menschen formt sich in Nina Gamsachurdia ein passendes «Farbprofil». Dann kann sie sich an die aufwendige handwerkliche Arbeit machen. Alle Farben, Binde- und Deckmittel stellt sie eigenhändig her. Mineralische Farben, die aus pulverisierten Edelsteinen entstehen, Blattgold und Blattsilber. Alles Materialien, deren Substanz einen Hauch von Ewigkeit in sich tragen. Nina Gamsachurdia kann nicht verstehen, wie heute Ikonen mit Acrylfarbe gemalt werden können, weil es weniger aufwendig ist sogar in griechischen Klöstern.
Betrachtet man eines von Nina Gamsachurdias fertigen Tuchbildern oder Porträt-Ikonen, dann ist nur noch im Profil ein Gesicht erkennbar, vor allem die Nase. Farblich wird indes kein Antlitz sichtbar gemacht, sondern ein Charakterbild wiedergegeben. Mit «konventionellen» Ikonen haben diese Tuchbilder ausser der Technik wenig gemeinsam. Das werde nicht von allen verstanden, besonders nicht in kirchlichen Kreisen, erklärt Nina Gamsachurdia. So darf sie ihre Ikonen in orthodox geprägten Ländern nicht mehr ausstellen.
Ihr technisches Wissen und ihre fundierten kunsthistorischen Kenntnisse nutzt die Malerin aber, um Ikonen fachgerecht zu restaurieren. In Kursen gibt sie ihre Kunstfertigkeit weiter. Mit ihren Mandylions spannt die Kunsthistorikerin, Restauratorin und Künstlerin Nina Gamsachurdia einen zeitlichen Bogen von der altägyptischen Tradition über die byzantinische Ikonenkunst hin in unsere Zeit und dank der beständigen Materialien in die Zukunft.



Reise mit Nina Gamsachurdia orthodoxe Ostern in Georgien:
Georgien ist eine der Wiegen des Christentums. Den Höhepunkt der Reise bildet die Feier der Osternacht in der Anchiskhati-Basilika zu den Klängen der uralten georgischen Vokalpoly­phonie. Reisetermin: 26. April5. Mai.


Zum Bild: Aus urchristlicher Tradition weiterentwickelt: Mandylion (Tuchbild) der Ikonenmalerin Nina Gamsachurdia.

Franz Osswald

Links:
Nähere Informationen: www.orpheus-reisen.ch. Link: Reisen 2016


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