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Kirche

«Früher war der Sigrist ein Befehlsempfänger»

Der Schweizerische Sigristen-Verband wünscht sich von den kantonalen Kirchen mehr Anerkennung für seinen Berufsstand. Ein überarbeitetes Berufsbild könnte ein erster Schritt sein.

Kirche reinigen – innen und aussen. Mikrofone parat machen. Kirchenraum schmücken. Plätze reservieren. Abendmahlgeräte bereitstellen. Liednummern stecken. Kirche öffnen. Kirchenglocken einschalten. Kirchenbesucherinnen begrüssen. Gesangbücher verteilen. Türen schliessen. Und dann folgt für die 40-jährige Sigristin Ursula Rupp der schönste Teil ihrer Arbeit: die Predigt geniessen.

Die ehemalige Lastwagenfahrerin arbeitet seit April in der Berner Kirchgemeinde Limpach. «Ich geniesse den Kontakt zu den Menschen und die Vielfältigkeit des Berufes. Wenn Besucherinnen und Besucher einen schönen Gottesdienst erleben, dann denk ich mir: Dazu habe ich auch beitragen. Das ist ein tolles Gefühl», sagt die dreifache Mutter.

Ein vielfältiger Beruf
Welchen Lohn die Sigristen erhalten und welche Arbeiten zu ihrem Pflichtenheft zählen, darüber entscheidet die Kirchgemeinde. Je nach Grösse der Gemeinde fallen neben den Vorbereitungen, Begleitung und Nachbearbeitung von Gottesdiensten auch kleinere bis mittlere Reparaturen, Friedhofsbetreuung, Botendienste, Gebäudeverwaltung oder Kochen an. Der vielfältige Beruf verlangt von Sigristen diverse Anforderungen: Man muss den Kontakt zu den Mitmenschen mögen und ein guter Gastgeber sein. Zudem sind Flexibilität, Selbstständigkeit und handwerkliches Geschick gefragt.

«Sigrist ist ein eigentlicher Zweitberuf», sagt Christine Wymann, Zentralpräsidentin des Schweizerischen Sigristen-Verbandes (SSV). Im Amt seien meist ältere Menschen. Christine Wymann beobachtet, dass die Sigristenstellen im kleineren Pensum oft von Frauen, diejenigen mit 80 bis 100 Prozent von Männern besetzt werden. Die Verbandspräsidentin, die selbst zu 80 Prozent als Sigristin in St. Gallen arbeitet, stellt fest: «Es bewerben sich immer mehr Männer mit einer Hauswartsausbildung auf offene Stellen. Grundsätzlich finde ich das gut, da sie das Fachwissen in Sachen Reinigung mitbringen. Es muss aber jedem Bewerber bewusst sein, dass wir nun wirklich keine Hauswarte sind.»

Ein wichtiger Schritt
Das Aufgabenspektrum geht weit hinaus über die Instandhaltung der Liegenschaften und hat sich im Wandel der Zeit verändert. Heute kommunizieren Kirchgemeinderat, Pfarrer und Sigrist via E-Mail. Auch Belegpläne der Kirche werden oft elektronisch geführt. Christine Wymann betont zwei Veränderungen: «Sigristen übernehmen wieder vermehrt die Aufgabe eines Gastgebers. Zudem hat sich die Zusammenarbeit gewandelt: Früher war der Sigrist ein Befehlsempfänger. Heute wird er bei Entscheidungen meist miteinbezogen.»

Aufgrund der veränderten Anforderungen haben die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn das Berufsbild von Sigristinnen und Sigristen zusammen mit einem Ausschuss des Verbandes überarbeitet. Ende Mai ist die Frist zur Vernehmlassungseingabe abgelaufen. Im Herbst entscheidet der Synodalrat über das aktualisierte Berufsbild. Christine Wymann begrüsst diesen Schritt: «Zum ersten Mal haben wir das Gefühl, dass wir von einer kantonalen Kirche wahrgenommen werden.» Verabschiedet der Synodalrat das Berufsbild, dann hofft die Präsidentin, dass weitere kantonale Kirchen den Berner Landeskirchen folgen werden.

Die Bedeutung des Glaubens
«So hätten wir eine gute Voraussetzung, um mehr Leitlinien für unseren Beruf zu schaffen», sagt Christine Wymann. In ihrem Amt als Präsidentin erreichen sie vor allem Anfragen von Kirchgemeinden bezüglich Lohn und Pflichtenheft ihrer Sigristen. Auch könnte durch die Anerkennung der kantonalen Kirche etwa vereinheitlicht werden, dass alle Sigristen einen Grundkurs besuchen oder ihre Arbeitsstunden festhalten müssten. «Bei einer Neuanstellung stellen wir oft fest, dass das Pensum nicht klar ist, weil der Vorgänger die Arbeitsstunden nicht aufgeschrieben hat», sagt Christine Wymann.

Im Gespräch betont die Präsidentin des Schweizerischen Sigristen-Verband die Bedeutung des christlichen Glaubens für die Ausübung ihres Amtes. Dass Andersgläubige oder Atheisten als Sigristen diese Aufgabe übernehmen, findet Christine Wymann nicht gut. «Sigrist ist kein Beruf, sondern eine Berufung», begründet sie ihre Haltung.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Nicola Mohler / reformiert. / 7. Juni 2016