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Gesellschaft

Eine Welt mit weniger Grenzen

Vier junge Menschen erzählen von ihren Träumenk, Sorgen und aus ihrem Leben.

«Das Leben ist nicht so planbar»

Katharina Merian, 25-jährig, Theologiestudentin

Für meine Eltern war es ein Schock, als sie erfuhren, dass ich Theologie studieren wollte. Sie fielen aus allen Wolken. Inzwischen unterstützen sie dies und bei ihnen wächst das Interesse für Kirche, Glaube und Spiritualität.

Ich bin in Spycher im Kanton Appenzell aufgewachsen und stamme aus einem areligiösen Haushalt. Ich liess mich nicht konfirmieren. Weihnachten feierten wir, doch an Ostern standen wir im Stau auf dem Weg ins Tessin. Trotzdem habe ich mich für Religionen interessiert. Nach der Matura fing ich an, Religionswissenschaft in Zürich zu studieren. Mit der Zeit merkte ich, dass ich an Grenzen stiess, wenn ich als Religionswissenschaftlerin Religion und Glauben nur von aussen betrachte. Ich wollte mehr als diese Aussenperspektive und wechselte zur Theologie. Später setzte ich das Studium bei den Waldensern in Rom fort. Ich will verschiedene Orte und Denkweisen kennenlernen. Nach Rom folgte Basel.

Im Studium wurde mir bewusst, wie stark mich das Christentum geprägt hat. Tradition war für mich etwas Verstocktes und Veraltetes. Inzwischen entdecke ich den Reichtum dieses Erbes, das Chancen und Gefahren bietet. Zurzeit absolviere ich ein Praktikum an der Offenen Kirche Elisabethen in Basel und bin als Assistentin für die Veranstaltungsreihe «Basel im Gespräch» zuständig.

Ich kann nicht sagen, wie meine Zukunft aussieht. Die letzten fünf Jahre haben so viele Überraschungen gebracht. Das Leben ist nicht so planbar. Ich will mein Studium beenden, das Vikariat machen und dann vielleicht in ein Pfarramt. Heute gibt es beunruhigende Entwicklungen, Terroranschläge mit dem Ziel, Angst zu verbreiten. Ich lasse mich aber nicht einschüchtern und einschränken. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, eine Stelle zu finden. In Italien habe ich die Perspektivenlosigkeit unter den Jugendlichen erlebt. Schlimm! Man sollte der jungen Generation eine Chance bieten und sie nicht einfach ins Abseits stellen. Sie sind doch die Zukunft.

Wie ich zu Jesus stehe? Das werde ich dauernd gefragt. Anfangs fand ich Jesus eine abstruse Figur. Heute habe ich ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm aufgebaut. Die Vorstellung, dass Gott Mensch geworden ist, dass sich Gott einen Menschen ausgesucht hat, ändert meinen Blick auf die Menschen. Dies zu erleben, ist faszinierend.

 

«Wenn ich alles gegeben habe, bin ich zufrieden»

Flavio Kindler, 19-Jährig, Zivildienstler

Als Zivildienstleistender arbeite ich zurzeit in einem Altersheim. Die Arbeit ist manchmal anstrengend. Doch es gefällt mir mit den alten Leuten. Es gibt mir das Gefühl, dass ich das Richtige tue. Wenn ich nach acht Stunden am Abend nach Hause komme, treffe ich mich mit meiner Freundin, spiele am Computer oder trainiere im Turnverein. Mit meinen Freunden tausche ich mich vor allem über das Handy aus, in den Pausen und nach der Arbeit. So weiss ich immer, was bei ihnen läuft.

Ich bin ziemlich selbstständig unterwegs. Doch ich schätze es, dass ich mir bei meinen Eltern Unterstützung holen kann, wenn ich Hilfe brauche. Schön finde ich die gemeinsamen Mahlzeiten. Dann können wir zusammen reden. Mit meiner Freundin kann ich über alles sprechen. Es tut gut, jemanden zu haben, der einen richtig gut kennt und die gleichen Interessen hat. Ich bin christlich erzogen worden. Ich mache mir Gedanken über die Religion. Sie ist mir aber zu wenig wichtig, um mich intensiver damit zu befassen. Ich glaube, Gott ist eine Vorstellung von uns, damit wir uns besser fühlen. Obwohl ich mit meiner rationalen Einstellung nicht wirklich an Gott glaube, denke ich trotzdem, dass es etwas Höheres gibt.

Wenn andere Leute dankbar sind für das, was ich mache, freut mich das. Das habe ich bei der Arbeit im Altersheim gemerkt. Natürlich fühle ich mich auch gut beim Gamen und beim Sport. Ich bin ehrgeizig. Es geht mir nicht unbedingt ums Gewinnen. Es macht mich zufrieden, wenn ich sagen kann, dass ich alles gegeben habe. Im Herbst beginne ich mit dem Physikstudium. Ich möchte später in die Forschung oder Physiklehrer werden.

 

«Ich wünsche mir eine Welt mit weniger Grenzen»

Maria Scherrer, 18-jährig, Gymnasiastin

Zurzeit besuche ich eine Waldorfschule in Deutschland, ich mache dort das Abitur. Für die letzte Schuletappe würde ich gerne dort hinziehen, am liebsten in eine WG. Es würde mich reizen, aus dem behüteten Nest zu Hause auszufliegen.

Nach dem Abitur möchte ich nicht gleich mit einem Studium beginnen, sondern etwas Handfestes tun. Es gibt eine Organisation, die auf einer Insel Müll einsammelt. So etwas könnte ich mir gut vorstellen.

Für die Zukunft wünsche ich mir einen Job, der mir wirklich Spass macht, am liebsten im sozialen Bereich. Und ich möchte gerne einmal eine Familie haben. Und unbedingt auf Reisen gehen, aber nicht im touristischen Sinn. Ich möchte mich in andere Kulturen einleben und viel von der Welt sehen. Ich interessiere mich aber auch hier für vieles. Ich spiele Querflöte, mag das Theaterspielen und das Malen. Und meine Freunde sind mir sehr wichtig. Ich gehe auch oft und gerne in den Ausgang.

Ich wünsche mir eine Welt mit weniger Grenzen. Die Angst vor dem Fremden macht viel kaputt. Es braucht Respekt vor anderen Kulturen. Ich glaube vieles ist zu kompliziert in unserer Gesellschaft. Wir müssen in allem auf die menschliche Ebene zurückkommen, auch in der Politik. Es wäre gut, wenn die Menschen mehr reflektieren würden. Sich selber und die Welt.

In allem frei wählen zu können, ist manchmal schwierig. Es ist nicht leicht, sich zu orientieren. Es ist deshalb gut, wenn man auf Rituale zurückgreifen kann, die Halt geben. Dies finde ich vor allem im Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden. Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, schaue ich zum Beispiel regelmässig bei meinem Bruder herein, um von meinem Tag zu erzählen. Ich habe gerne Leute um mich herum. Ich bin nicht gerne allein. Der Zukunft blicke ich gelassen entgegen. Ich bin zuversichtlich, dass ich mich zurechtfinden werde und lasse die Dinge auf mich zukommen.

 

«Man müsste mir eine Chance geben»

Matthias Rudin, 21-jährig, KV-Abgänger

Seit der Rekrutenschule, die ich im letzten Frühling abgeschlossen habe, bin ich arbeitslos. Inzwischen habe ich 250 Bewerbungen geschrieben. Gebracht hat es nichts. Meist kamen Absagen zurück. Als KV-Abgänger hätte ich zu wenig Berufserfahrung, heisst es. Deshalb käme ich für die Stelle nicht in Betracht. Vom November bis März konnte ich bei einer Firma vom RAV in Neuenburg als einziger Deutschschweizer Berufserfahrung sammeln. Im März wurde ich ausgesteuert. Nach 200 Tagen erhalte ich kein Arbeitslosengeld mehr. Die vielen Absagen und die berufliche Ungewissheit machen mir zu schaffen.

Meine Lehre habe ich bei der Hug AG in Trimbach gemacht. Nach dem Lehrabschluss konnte ich nicht bleiben, die Verwaltung wurde nach Malters LU verlagert. Ich wäre gerne bei Hug geblieben. Die Arbeit hat mir gefallen. Vor allem in der Buchhaltung und in der Personalabteilung. Mir liegen Zahlen. Schon in der Schule mochte ich die Mathematik. Das liegt in der Familie, mein Vater arbeitet bei einer Bank, mein Zwillingsbruder bei einer Versicherung in Genf. Meine Eltern nehmen mir etwas den Druck, indem sie mich bis zur Französischprüfung Delf unterstützen.

Ich gebe nicht auf. Täglich sichte ich die offenen Stellen im Internet, schicke Bewerbungen und setze auf Weiterbildung. Vor der Rekrutenschule ging ich für vier Wochen nach England und machte das Englisch-Examen First. Zurzeit bereite ich mich auf das Delf vor und könnte dann die Berufsmatura machen. Doch ich möchte arbeiten und praktische Erfahrungen im Berufsleben sammeln. Ich bin bereit, man müsste mir nur eine Chance geben. Es wäre schon wichtig, dass man uns Junge beim Berufseinstieg unterstützt und an uns glaubt. Auch ohne Erfahrung können wir doch einiges bieten.

Wie ich mich in zehn Jahre sehe? Schwierig zu sagen. Vielleicht bin ich verheiratet. Vielleicht reise ich. In die Ferien fahren kann ich in diesem Jahr nicht.

Aufgezeichnet von: Tilmann Zuber, Karin Müller und Adriana Schneider, 21.6.2016

Generation «R» in Prozent

Familie

Die eigene Familie hat für Jugendliche einen hohen Stellenwert. Mehr als 90 Prozent pflegen ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern.

Online

99 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zum Internet. Sie verbringen pro Woche durchschnittlich 18,4 Stunden im Netz. 2006 waren es 10 Stunden.

Gott

51 Prozent der Konfirmanden sagen, sie glaubten an Gott. 37 Prozent glauben, dass Jesus auferstanden ist. 37 Prozent, dass Gott die Welt erschaffen hat.

Konfirmation

Rückblickend geben über 80 Prozent an, im Konfirmandenjahr eine gute Zeit gehabt zu haben. Bei 30 Prozent ist der Glaube wichtiger geworden.

Bildung

75 Prozent der Jugendlichen mit Schulabschluss glauben, ihren Berufswunsch verwirklichen zu können. Bei denen aus der unteren Schicht sind dies 46 Prozent.

Kinder

90 Prozent der Jungen meinen, dass Familie und Kinder wegen der Arbeit nicht zu kurz kommen dürfen. 75 Prozent wollen deshalb teilzeitlich arbeiten.