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Kirche

Neue Kirchenverfassung: «Nie so günstig wie jetzt»

Zwei Themen gaben an der Synode der Reformierten Kirche Baselland in Reinach zu reden: Das Konzept zur Umsetzung der Visitation und die Baselbieter Thesen zum Reformationsjubiläum.

Die 95 Thesen, die Martin Luther 1517 an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg schlug, gelten als Startschuss der Reformation. Mit dem Projekt «Unsere Thesen für das Evangelium» forderte der Schweizerische Evangelische Kirchenbund SEK die Kirchgemeinden und kirchliche Gruppen auf, aus heutiger Sicht eigene Glaubenssätze für das Reformationsjubiläum zu verfassen. Der Kirchenbund wird die Thesen aus den Kantonalkirchen sammeln, um sie im Herbst an der Abgeordnetenversammlung zur Diskussion vorzulegen. Ausgehend von dieser Lesung publiziert der SEK im April 2017 eine redigierte Schlussfassung.

Neue Thesen für das Evangelium
Zehn Baselbieter Kirchgemeinden, der Synode-Stamm und der Pfarr- und Diakoniekonvent formulierten 18 Thesen, die an der Synode vorgestellt wurden. Insgesamt stiessen die Thesen auf Zustimmung. Sie seien «lebendig» und «prägnant». (Zu den Thesen)

Vor allem die letzte gab aber Anlass zu Diskussionen. Zum Thema «Du sollst keine anderen Götter neben mir haben» heisst es: «Die Dosis macht das Gift, Gott kann man in Überdosis geniessen, alle anderen ‹Götzen› nicht.» Hier werde Christus als Götze bezeichnet, lautete der Vorwurf. Die These solle gestrichen werden. Kirchenratspräsident Martin Stingelin und andere warben hingegen für Toleranz gegenüber unterschiedlichem Denken in der Kirche. Stingelin wies darauf hin, dass die Thesen die Gedanken der Gruppen wiedergeben, die sie erarbeitet haben. Bei den Reformierten könne niemand die Hoheit über den rechten Glauben für sich beanspruchen. Darum solle man die Sätze so stehen lassen.

Weitere Bedenken gab es zur Verständlichkeit der Thesen. Sie seien nicht dazu geeignet, Kirchenferne anzusprechen. Dem hielt der Synodale Johannes Schweizer, Hölstein, entgegen: «Das Geheimnis an der Aktion war, dass man darüber diskutierte, auch wenn man nicht alles verstand.» Am Ende einigte sich die Synode darauf, alle Thesen unverändert an den SEK weiterzuleiten. Als Kompromiss bittet der Kirchenrat in seinem Begleitschreiben darum, in der Schlussfassung die Thesen so zu formulieren, dass sie auch für Kirchenferne verständlich sind.

Ewige Botschaft, bewegliche Strukturen
Die reformierte Kirche befindet sich im Umbruch. Die letztjährige Erhebung in den Kirchgemeinden und der Kantonalkirche unter der Führung von alt Regierungsrat und SEK-Vizepräsident Peter Schmid ergab einigen Bedarf an strukturellen Veränderungen und regte eine Totalrevision der Kirchenverfassung an. Jetzt legte der Kirchenrat der Synode ein Konzept vor, wie er die Handlungsempfehlungen aus dem Visitationsbericht bis zum Jahr 2020 umsetzen will. Die Kirche müsse die Frohe Botschaft in die jeweilige Zeit übersetzen, sagte Martin Stingelin. Dies sei die Hauptaufgabe der Theologen, die bestehen bleibe. Die Gesellschaft hingegen verändere sich immer schneller. Die Baselbieter Kirche müsse beweglicher werden und Strukturen und Angebot anpassen, damit sie die Botschaft möglichst gut weitergeben könne. Damit habe sich die Visitation auseinandergesetzt. Die inhaltliche Diskussion über «das, was bleibt und immer neu ausgelegt werden muss,» betreffe eine andere Ebene. Der Verfassung von 1952 merke man an, dass ganz andere Verhältnisse herrschten, so Stingelin. Damals gehörten 97 Prozent der Bevölkerung einer Landeskirche an, heute 58 Prozent, wovon noch 32 Prozent Reformierte sind.

«Ambitioniertes» Konzept
Die Geschäftsprüfungskommission GPK bezeichnete das Umsetzungs-Konzept als «ambitioniert». Es biete aber eine grosse Chance. Und es sei günstig. Der Kirchenrat rechnet mit Kosten von 250 000 Franken. «Eine Kirchenverfassung bekommen wir nie so günstig wie jetzt», meinte GPK-Sprecher Fredi Vogelsanger. Einen Antrag, das Geschäft zurückzuweisen und sich zuerst auf die inhaltlichen Grundlagen zu einigen, wiesen die Synodalen zurück. Sie stimmten dem Konzept mit zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung zu.

Rechnung: Besser als erwartet
Einstimmig verabschiedete die Synode die Rechnung 2015. Ein unerwartet hoher Ertrag aus der Quellensteuer von 0,85 Millionen Franken führte dazu, dass die Verwaltungsrechnung einen Überschuss von 0,4 Millionen aufweist. Die Kirche verfügt jedoch über zu wenig Eigenkapital und die Sparbemühungen müssten fortgesetzt werden, sagte Kirchenrat Christoph Erhardt. Im Rechnungsjahr mussten wegen des Sonderkredits von 1,5 Millionen für den Neustart des Leuenberg-Vereins und einer Nachzahlung von 0,4 Millionen für die Pensionskasse 1,6 Millionen aus den Reserven entnommen werden.

Karin Müller / Kirchenbote / 23. Juni 2016