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Mehr als ein Augenblick Stille im Shoppingcenter

Handys, Kleider und edle Weine: Das Einkaufszentrum Glatt bietet für jeden etwas. Seit Mai auch Nahrung für die Seele. In der oberen Verkaufs­ebene findet man Stille, Spiritualität und Seelsorge.

600 Millionen Franken Jahresumsatz, 9 Millionen Besucher, 1800 Angestellte und Verkaufsfläche, so weit bis die Füsse schmerzen. Das Glattzentrum in Wallisellen ist das umsatzgrösste Einkaufszentrum der Schweiz.

Zum Einkaufsrummels gibt es seit Mai einen Kontrastpunkt: Den «Raum und Stille» im Turm. Betreut wird dieses Angebot vom reformierten Pfarrer Matthias Jost und seiner katholischen Kollegin Myriam Duff.

Die Seelsorge im Shopping-Tempel ist eines der zahlreichen Spezialpfarrämter, die in den letzten Jahren in der Schweiz entstanden sind.

In Wallisellen ging die Initiative von Gemeindepfarrer Adrian Berger aus, der im Studiums in einer Sportabteilung im Glatt gejobbt hatte. Schon länger hatte er diese Idee mit sich herumgetragen. Als er den Kontakt zur Geschäftsführung des Shoppingzentrums aufnahm, stiess er auf offene Ohren. Heute kommt die Betriebsgesellschaft Zentrum Glatt für die Raum auf und die Kirchgemeinden stellen das Personal. Matthias Jost versteht seine 30-Prozent-Stelle nicht als Ersatz für das traditionelle Pfarramt. Die Kirche gehe dorthin, wo sie gebraucht werde. Das sei sowohl am Wohnort wie auch an den neuralgischen Punkten, an denen sich das Leben abspiele, erklärt der Bündner. In der Hektik und des Einkaufens bietet der Raum der Stille die Möglichkeit, inne zu halten, zur Ruhe zu kommen und aufzutanken. Vielleicht spricht der eine oder andere auch ein Gebet. «Stille ist ein rares Gut im Leben», meint Jost, gerade hier in einem Einkaufszentrum, in dem viele bei schlechtem Wetter ihre Freizeit verbringen.

Das Angebot im Glattzentrum ist ein Pilotprojekt mit einem Zeithorizont bis Ende 2017. Im Moment befinde man sich in der Aufbauphase und wolle noch etwas «Atmosphäre in den Raum bringen». Der Raum ist eng, bietet Platz für einzelne Sessel. Auf einem Regal liegen die Heiligen Schriften der Weltreligionen. Auch wenn die beiden Landeskirchen das Projekt tragen, sei man für alle da, versichert der Pfarrer.

An einem kleinen Tisch führt Matthias Jost etwas abgeschirmt die Seelsorgegespräche. Zurzeit schauen die meisten aus Neugier vorbei. «Sie finden es toll, dass es so ein Angebot gibt», sagt der Pfarrer. Gerade die Angestellten.

Kürzlich erzählte ihm ein Verkäufer, dass er in den Pausen oft die Stille suche. Da es im Glatt wirklich keinen Ort gebe, wo er zu Ruhe komme, setze er sich für einige Minuten in sein Auto auf der Parkebene. Das sei für ihn ein wichtiger Moment im Tag.

Der «Raum der Stille» hat von Mittwoch und Samstag geöffnet. Findet man mehr Freiwillige für die Betreuung, werden die Öffnungszeiten künftig verlängert.

Nach den Herbstferien beginnt im Glattzentrum die Weihnachtszeit. Bald glitzert und funkelt die Dekoration in den Läden. Das Einkaufzentrum verwandelt sich in eine weihnachtliche Landschaft mit einem zwanzig Meter hohen, geschmückten Weihnachtsbaum. Für die Adventszeit habe man noch nichts geplant, sagt Pfarrer Matthias Jost. Das sei noch zu früh. Man werde sicher präsent sein, gerade an den offenen Verkaufssonntagen, wenn die Schlangen an den Kassen nicht mehr abbrechen.

Tilmann Zuber, Kirchenbote, 23.8.2016