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Kirche

11-vor-11-Gottesdienste sind im Trend

25.08.2016
Volle Kirchen mit begeisterten Besuchern in lebendigen Gemeinden: «11 vor 11»-Gottesdienste locken erstaunlich viel Volk an. Was ist das Geheimnis des Konzepts, das sich dem Trend der leeren Kirchen verweigert? Ein Augenschein in Horw.

Die reformierte Kirche in Horw ist bis auf den letzten Platz gefüllt. 220 Besucherinnen und Besucher sind diesen Sonntagmorgen gekommen, darunter auffällig viele junge Menschen, Familien, aber auch Senioren. Punkt elf Minuten vor 11 Uhr legt die 11-köpfige Band los, Bass, Keyboard, und Stimmen erklingen, die Kirche füllt sich sattsam mit Leben. Das Thema des heutigen Gottesdienstes heisst «Begeisterung». Variationen davon durchziehen Gebete, Filmchen und ein Theater. Dann ist Pfarrer Jonas Oesch mit der Predigt dran. Heute, am Jubiläumsgottesdienst zu elf Jahren «11 vor 11»-Gottesdienste in Horw führt kein Weg an kirchlichem Selbstlob vorbei: Denn tatsächlich, diese Gottesdienste, sie begeistern die Besucher.

Freikirchlicher Stil

Jonas Oesch (35) ergründet das Erfolgsrezept der Gottesdienstreihe, die fünf bis sechs Mal im Jahr Horw rockt. «Wir sind mit den Themen am Puls der Zeit, wir geben viel Verantwortung an Freiwillige ab, die grossen kreativen Spielraum haben.» Nicht zu unterschätzen, ergänzt Oesch, sei das gemeinsame Mittagessen. Doch all das reiche nicht aus: «Ich glaube, in diesen Gottesdiensten steckt der Geist von Gott drin», predigt Oesch mit rudernden Armen.

Fromme Sprache, inniges Beten, Power-Point und Professionalität: Vieles wirkt freikirchlich an den «11 vor 11»-Gottesdiensten, die es ins-gesamt an mindestens acht weiteren Orten in der Schweiz gibt, vor allem im Kanton Aargau. «Wir sind sicher keine liberale Gemeinde», sagt Oesch. «Wir haben ein klares, christuszentrier-tes Profil. Die persönliche Beziehung zu Gott ist für uns wesentlich.» Das wirkt anziehend auf Freiwillige. «Wir sind begeistert vom Glauben. Wir wollen etwas bewegen und Gottesdienste nicht einfach abhalten», erklärt Martin Schelker, Präsident der Horwer Kirchenpflege.

Lebhafte Debatten

Bei aller Ähnlichkeit gibt es auch Unterschiede zu den Freikirchen: In Horw braucht es kein Glaubensbekenntnis, um im Chor mitzusingen. Niemand muss wegen seines Lebensstils schiefe Blicke befürchten. Wenn jemand geschieden ist? «Schlicht kein Thema für uns», winkt Schelker ab.

Entsprechend bunt setzt sich die Besucherschar der «11 vor 11»-Gottesdienste, durchschnittlich 150 bis 200 Personen, zusammen: Bekenntnischristen, Quartierbewohner, Freigeister, Katholiken auch. «Kürzlich spazierte zufällig eine Familie vorbei, sah, dass hier etwas los war und kam rein», freut sich Oesch. Die daraus erwachsende theologische Breite führt unter den freiwillig Engagierten mitunter zu lebhaften Diskussionen – und verhindert zugleich, dass die Gemeinde ins Doktrinäre abgleitet.

Kaum Verbindlichkeit

Horw ist nicht allein auf der Landkarte liturgischer Aufbrüche. Landeskirchliche Gemeinden und Pfarreien versuchen manchenorts mit modernen Feierformen mehr Kirchenvolk anzusprechen. In Hünenberg locken sogenannte Weggottesdienste jeden Monat bis zu 400 Besucher an. Im Kanton Schwyz ziehen einige reformierte Jugendgottesdienste am Freitag- oder Sonntagabend ganz gut. Wenn alles stimmt – das Wetter, keine zu üppigen Konkurrenzangebote, ein Thema wie «Mobbing», das den Nerv der Jugend trifft – ist die Kirche schon mal voll. Verbindliche Gemeinschaften allerdings entstehen nur selten, auf freiwilliges Engagement, die Lebensversicherung von Mutter Kirche, lässt man sich höchstens projektbezogen ein. Auch unter den Erwachsenen.

Theologie-Studium ungenügend

Aber warum sind Gottesdienste oftmals One-Man-Shows, in denen die Stimmung an ein Katerfrühstück erinnert? Für Martin Schelker fehlt es an Pfarrern, die Glaube und Alltag verbinden. «Viele Predigten sind zu abgehoben. Die Verbindung zum Leben fehlt.» Pfarrer Jonas Oesch ortet ein grosses Problem in der Ausbildung: «Plötzlich stehst Du nach dem Studium in der Gemeinde und merkst: Ich wurde dafür im Theologiestudium  nicht ausgebildet.» Ein Pfarrer sei heute mehr Coach als Chef, er müsse Freiwillige fördern und deren Talente wecken. «Das war in meiner universitären Ausbildung kein Thema.» Nicht immer scheitert die Vitalisierung der Kirche indes am Personal, auch an der Basis kann es hapern. Zu viel Wandel und zu viel Leben erschreckt manchmal das Kirchenvolk. In Horw bekam Jonas Oesch auch schon ein «Aber, Herr Pfarrer …!» zu hören. Dass er vieles delegiert und nur noch predigt, erschüttert das Bild vom pfarrherrlichen Souverän.

Hier, an diesem Morgen, stört sich niemand an neuen Formen. Am Ende des «11 vor 11»-Gottesdienstes spricht eine Freiwillige ein Segensgebet. Sie bittet – ganz im Fussball-Jargon – um Segen für Zweikämpfe, für Gefoulte und jene, die im Abseits stehen. Und schliesst: «Danke Gott, dass Du unser Coach bist.» Amen.

26. August 2016, Remo Wiegand