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Kirche

Der kriegerische Christus

26.08.2016
Die Evangelien gelten als Texte des Friedens und der Feindesliebe. Dass auch kriegerische Töne anklingen, zeigt die wissenschaftliche Untersuchung von Gabriella Gelardini zum Markusevangelium.

Vor einem halben Jahr ist das Buch «Christus Militans» in einem der renommiertesten Wissenschaftsverlage Europas erschienen. «Christus Militans» ist die Habilitationsschrift der Basler Neutestamentlerin Gabriella Gelardini zum Markusevangelium. Gelardini verknüpft dabei die Forschung zur antiken Militärgeschichte mit der Interpretation des Markusevangeliums und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen.

Krieg und Gewalt als «Blinder Fleck»
Schon länger wisse man, dass Markus militärisches Vokabular gebraucht, sagt Gelardini. Doch Krieg, Gewalt und Militär passten nicht in das christliche Selbstverständnis der Nachkriegsgeneration des 20. Jahrhunderts. So vernachlässigen Wörterbücher zum neutestamentlichen Griechisch vielfach den militärischen Nebensinn bei Wörtern des Neuen Testaments.

Gelardini griff für ihre akribische Untersuchung deshalb auch auf altgriechische Wörterbücher zurück. Das Ergebnis: Rund 30 Prozent der Wörter im Markusevangelium haben einen militärischen Hintergrund oder Bedeutung.

Gelardinis Forschung orientiert sich nicht zuletzt an den Schriften der römischen Historiker Josephus, Tacitus, Sueton und Dio Cassius, aber erstmals auch an Texten antiker Militärhistoriker.

Markus und der erste jüdische Krieg
Wie viele wissenschaftliche Auslegungen des Evangeliums hält es auch Gabriella Gelardini für plausibel, dass Markus kurz nach dem ersten jüdischen Krieg in Rom lebte wie vermutlich auch seine Adressaten. Markus könnte somit Josephus‘ Aufzeichnungen über den ersten Feldzug der Römer gegen die jüdischen Aufständischen gekannt haben. Denn «es gibt auffällige Analogien zwischen dem Markusevangelium und diesen Texten.»

Zerstörung des Tempels in Jerusalem
Im Jahre 66 nach Christus erheben sich die Judäer gegen die römischen Besatzer. Nach anfänglichen Erfolgen schlagen die römischen Legionen unter Vespasian und später Titus den Aufstand nieder und brennen 70 n. Chr. den Tempel in Jerusalem nieder. Das jüdische Volk wird vertrieben. Für die Juden und auch jüdische Christusgläubige bedeutete die Zerstörung ihres Tempels eine Katastrophe. Damit verloren sie ihr zentrales Heiligtum.

Josephus, jüdischer Priester und Militärkommandeur in Galiläa, gerät in römische Gefangenschaft. Als Augenzeuge hält er später in Rom in seiner «Geschichte des jüdischen Krieges» den Feldzug und den damit verbundenen Aufstieg der Flavier auf den Kaiserthron fest. Der Sieg gegen die Juden festigte Vespasians Anspruch auf das Kaisertum. Im Jahr 69 hatten ihn seine Legionen als Cäsar ausgerufen.

Josephus' «Propagandaschrift»
Josephus beschreibt in seiner «Propagandaschrift» die Machtergreifung und den Triumph der Flavier. «Als Antithese setzt dazu der Evangelist Markus seine Geschichte vom Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu, der als messianischer König im Begriff ist, die endzeitliche Herrschaft anzutreten», sagt Gabriella Gelardini.

Am deutlichsten zeige sich dies in der Passionsgeschichte Jesu, die analog zum Triumphzug Vespasians durch Rom dargestellt wird. Die Soldaten legen Jesus einen Purpurmantel um, grüssen ihn als «König der Juden», verspotten ihn, würfeln um seine Kleider, schlagen ihn mit einem Stock und setzen ihm eine Dornenkrone auf.

Kranz des Jupiters statt Dornenkrone
Auch in Josephus‘ Schilderung des Triumphzuges finden sich der Purpurmantel und das Willkommenheissen des «Cäsar», auch dort werden die Besiegten verhöhnt, die Beute verteilt. Statt Stock und Dornenkrone trägt Vespasian das Zepter und den Kranz des Jupiters.

Jesu Passion wird zum Triumphzug des Leidens und der Ohnmächtigen, sie schafft gleichzeitig aber auch die Voraussetzung für eine siegreiche Rückkehr. «Markus lebte in der Naherwartung Christi», sagt Gelardini. «Er glaubte, dass Christus als Weltherrscher mit einem Engelheer zurückkehren wird.»

Das Markusevangelium als Gegenentwurf?
Ist das Markusevangelium ein pazifistischer Gegenentwurf zum Jüdischen Krieg und der Machtergreifung der Flavier? Nicht direkt. Aber die Geschichte der Ohnmacht, die sich in Macht verwandelt, sei in der markinischen Schrift angelegt, erklärt Gelardini.

Wie die kommenden Jahrhunderte zeigten, erfüllte sich Markus‘ Erwartung nicht: Christus ist nicht als militärischer Machthaber zurückgekehrt. Trotzdem trat die Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe des Nazareners ihren Siegeszug durch das Römische Reich an und bewegte unzählige Menschen, ihr zu folgen.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Gabriella Gelardini: «Christus Militans», Brill, Leiden 2016

Tilmann Zuber / Kirchenbote / 26. August 2016