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Kirche

Die Kirche als Kraftort

15.09.2016
Sie war Gärtnerin, Spitalgehilfin in der Geriatrie und Freiwillige in der Gemeinde als Mitglied der Kirchkreiskommission St. Georgen – bis die heutige Mesmerin von St. Laurenzen, Bea Känel, eines Abends spontan eine Aufführung der Matthäus-Passion in St. Laurenzen besuchte, einen Platz ganz oben, hinten auf der Südempore ergatterte – und plötzlich, fast wie eine Vision, den Wunsch verspürte: «Da möchte ich einmal arbeiten.»

Seit zehn Jahren wirkt sie hier. Zuvor war sie einige Jahre zu 30 Prozent in St. Georgen beschäftigt. Heute ist sie zu 90 in St. Laurenzen und zu 10 Prozent in St. Georgen tätig. «Der Mesmerberuf hat mich gewählt», sagt Bea
Känel. Sie ist hauptverantwortliche Mesmerin; zum Team gehören ausserdem Augustin Saleem und Martina Schär. «Ich fühle mich als Gastgeberin», sagt Bea Känel.

Besucher sollen sich wohlfühlen

Wichtig ist ihr, dass sich alle Menschen in der Kirche während der Gottesdienste, der Konzerte und an Hochzeiten wohlfühlen. Sie richtet das Abendmahl her, den Apéro und den Kirchenkaffee. Die Kirche ist täglich geöffnet. Jemand ist immer präsent. Dank cirka 20 Freiwilliger ist dies möglich. Sie helfen über Mittag, an Abenden, am Sonntag. Zu den Aufgaben Bea Känels gehören die Vorbereitung von Gottesdiensten, die Begleitung von Konzerten, Administration, Einsatzplan, Licht, Technik, Führungen, Turmbesteigungen, Reinigung und Pflege der Kirche, Kontakte mit Menschen. In St. Georgen kocht sie zehn Mal pro Jahr das Seniorenessen «Chez Béa»: «Es ist ein ungemein abwechslungsreicher Beruf», sagt sie, steht auf und verkauft einer Touristin Ansichtskarten. In der Kirche befindet sich ein kleiner Kiosk mit Büchern, CDs, Karten. In der Kirche werden die St. Laurenzen-Konzerte gegeben, Mittwoch-Mittagskonzerte, Orgelkonzerte, Gospel im Centrum, New Orleans Church Service; auch bei der Museumsnacht macht St. Laurenzen mit.

Niemals Alltagstrott

Bea Känel kann sich keinen spannenderen Beruf vorstellen: «Es ist die Mischung von allem, die es ausmacht. Ich habe hier viele interessante Begegnungen. Es gibt nichts, das nicht lösbar wäre.» Sie verrichtet jede Arbeit mit Respekt: «Der Mesmerdienst erfüllt mich auch heute noch; ich fühle mich dazu berufen; das Gefühl von Alltagstrott kenne ich nicht.» Jeder Gottesdienst sei einzigartig. Die Kirche ist für sie ein wunderbarer Ort, an dem sie auch Zeit für sich findet: «Manchmal geniesse ich sie für mich allein und halte ein Zwiegespräch mit Gott.» Ein Höhepunkt war, als die Turmkugel nach 150 Jahren heruntergeholt wurde und alte Dokumente freigab. Sie wird nach der Restauration mit aktuellen Dokumenten neu gefüllt.

Freiwillige Glöcknerin

Das Geläute erfolgt vollautomatisch oder per Knopfdruck. Ein einziges Mal war Bea Känel freiwillige Glöcknerin und zog eigenhändig am Strang: Am 21. August um 14.35 Uhr beim grossen Kirchenglockenkonzert «Zusammenklang» bespielte sie zwei der 118 Glocken St. Gallens. Für perfekte Harmonie sorgte eine Handy-App, die anzeigte, wann die 118 Glöckner und Glöcknerinnen am Strick ziehen mussten.

 

Text| Foto: Margrith Widmer, Journalistin BR, Teufen  – Kirchenbote SG, Oktober 2016

 

Das Mesmeramt – ein Traumberuf / St. Laurenzen: Zentrum der Reformation

St. Laurenzen ist täglich geöffnet. Wer besucht die Kirche unter der Woche?

Bea Känel: Manche Einheimische kommen regelmässig, einige zwei bis drei Mal pro Woche, in die Kirche. Sie suchen die Stille, beten. Sehr viele interessierte Touristen kommen, neuerdings Asiaten und stets viele Deutsche. Turmbesteigungen sind beliebt; man sieht allerdings nicht bis zum Bodensee, hat aber eine wunderbare Sicht auf das Herz der Stadt. Zur Zeit ist die Turmbesteigung wegen der Renovation nicht möglich.

Wie benehmen sich die Besucher?
Sie sind freundlich, andächtig, staunen, beten. Negative Erfahrungen habe ich kaum gemacht.

Gibt es eine Anekdote?
Ja: Die Kirche hatte ich schon eine Weile geschlossen. Ein Mann mit Sonnenbrille sass immer noch in der Kirchenbank. Es machte den Anschein, als ob er betete. Ich wartete nur noch darauf, ihn hinauslassen zu können. Plötzlich hörte ich aufgeregte Stimmen. Zusammen mit dem Organisten, der proben wollte, stürmten drei Personen hinein: Sie hatten den blinden Mann in der Kirche «deponiert», gingen shoppen und vergassen dabei die Zeit.

Was ist in St. Laurenzen ganz besonders?
Ich finde es schön, dass wir als reformierte Kirche einen Kerzentisch haben. Mit dem Reinerlös finanzieren wir jedes Jahr Projekte, beispielsweise in Nepal oder Ruanda.

Lieben Sie die Mesmerarbeit?
Mit dem Mesmeramt habe ich meinen Traumberuf gefunden. (mw)

 

St. Laurenzen: Zentrum der Reformation

Laurentius war ein römischer Diakon während der Christenverfolgung. Er starb 258 als Mär-
tyrer. Die Kirche St. Laurenzen wurde vermutlich im 9. Jahrhundert erstellt. 1524 trat die Stadt St. Gallen unter Vadian der Reformationsbewegung bei. Die städtischen Räte verabschiedeten ein entsprechendes Mandat.
St. Laurenzen wurde mit der neuen Kirchenordnung, dem reformierten Bekenntnis, formell geöffnet. 1526 wurden alle katholischen Skulpturen und Bilder entfernt. Die Kirche war Zentrum und Versammlungsraum der reformierten Stadtbürger. Die Pfeilerbasilika wurde in mehreren Etappen erstellt. Erst zwischen 1850 und 1854 wurde sie im neugotischen Stil nach Plänen von Johan Georg Müller durch Johann Christoph Kunkler restauriert und umgebaut. 1529 wurde die Orgel im Zug der Reformation abgebrochen. 1762 wurde wieder eine Orgel eingebaut. Gegenwärtig ist die Turm-Renovation im Gang. St. Laurenzen steht unter eidgenössischem Denkmalschutz. (mw.)