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Gesellschaft

Ausgleichende Doppelmoral

Der Schweizer Tatort «Freitod» vom 18. September beschäftigte sich mit Sterbehilfe und Sterbetourismus. Palliativ-Seelsorgerin Nicole de Lorenzi hat ihn sich für «reformiert.» angesehen – ihr Fazit: «Wir müssen wieder sterben lernen!»

Eine todkranke Frau aus Deutschland reist mit ihrer Tochter in die Schweiz. Nicht, um hier schöne Ferien zu verbringen, sondern um ihrem Leben mit Hilfe der Sterbeorganisation «Transitus» ein Ende zu setzen.

Szenen wie diese spielen sich auch in der Realität ab. Doch im Luzerner Krimi geht es, wie könnte es anders sein, um Mord: Ein paar Stunden nachdem die Patientin das tödliche Gift zu sich genommen hat, wird ihre Sterbebegleiterin niedergeschlagen und mit einem Plastiksack erstickt. Ein Fall für das Schweizer Ermittlerduo Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer).

Schon bald gerät der Chef der religiösen Gruppierung «Pro Vita» in ihr Visier. Er glaubt, dass nur Gott den Todeszeitpunkt bestimmen dürfe, egal, wie krank der Mensch ist. In einem kurzen Dialog zwischen ihm und einem «Transitus»-Mitarbeiter widerspiegelt sich der religiöse Grundkonflikt. Während sich der Gegner des begleiteten Suizids auf das fünfte Gebot bezieht («Du sollst nicht töten!»), argumentiert der Befürworter mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Man darf einem todkranken und sterbewilligen Menschen das Recht auf einen würdigen Tod nicht verwehren, ist seine Überzeugung.

Die Trauer der Angehörigen
Der Tatort «Freitod»: Eine Sterbehilfe-Debatte zur Primetime! Doch wie glaubhaft kam der Krimi (Regie Sabine Boss) rüber? Nicole de Lorenzi, reformierte Palliativ-Seelsorgerin am Kantonsspital Winterthur, hat ihn sich angesehen.

«Alle wichtigen Aspekte rund um die Sterbehilfe wurden aufgegriffen», sagt sie, auch wenn die Charaktere dann und wann «karikiert» gewirkt hätten. Stark berührt habe sie die Eingangsszene, als die Frau in Anwesenheit der weinenden Tochter im sterilen Zimmer von «Transitus» den Todestrunk zu sich nimmt: Sie verdeutlicht die Anonymität, die Tristesse dieser Form des Sterbens. Vor allem aber auch: «Das Leiden und die Ohnmacht der Angehörigen.» Als die Tochter der Mutter eine Decke anbietet, lehnt diese ab mit den Worten: «Ich habe nicht kalt!»

Auch in der realen Debatte sollte der Schmerz der Angehörigen einen zentralen Platz einnehmen, sagt de Lorenzi. Die Frage laute: «Wer begleitet diese?» Im Film stellt «Transitus» Sterbemittel und Zimmer zur Verfügung – aber die Tochter bleibt mit ihrer Trauer allein. Hier setze im richtigen Leben die Palliativmedizin an. Sie garantiere eine gewisse Lebensqualität für todkranke Menschen– und begleitet deren Familien professionell. «In die Begleitung der Angehörigen soll künftig noch viel mehr investiert werden», hofft de Lorenzi.

Die reformierte Spitalseelsorgerin möchte nicht werten. Sie hat Verständnis für den Wunsch, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden: «Das ist legitim.» Die Angebote der Sterbehilfe-Organisationen seien nicht zuletzt eine Antwort auf die hochentwickelte Medizin. Sie ist überzeugt: «Wir müssen wieder lernen, zu sterben.» Akzeptieren, dass der Tod und die Zerbrechlichkeit zum Leben dazugehören. Alte, kranke Menschen sollten in die Gesellschaft integriert und nicht aus ihr ausgeschlossen werden. Denn Beziehungen seien entscheidend für die Lebensqualität eines jeden Menschen. Auch und gerade am Lebensende.

Doppelmoral auf beiden Seiten
Spannend im «Tatort» fand de Lorenzi die Doppelmoral, die insbesondere in der Figur des «Pro Vita»-Chefs zum Tragen kommt. Schwangerschaftsabbrüche sind für ihn nämlich in Ordnung – vor allem wenn es darum geht, das mit seiner Geliebten gezeugte Kind vor seiner Familie zu verbergen. Ein übler Kerl. Ein Mörder ist er aber nicht.

Die Tat begangen hat eine Sterbebegleiterin von «Transitus». Die Krankenschwester wird als so genannter «Todesengel» geoutet. Zahlreiche Patienten hat sie schon von ihrem Leiden «erlöst». Ihre Kollegin war ihr auf die Schliche gekommen – und zahlte dafür mit dem Leben. In diesem Sinne habe der Krimi «Ausgeglichenheit» bewiesen, so de Lorenzi. Beide Seiten, Gegner und Befürworter, können fanatische Züge entwickeln – nicht nur im Film.

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Sandra Hohendahl-Tesch / reformiert. / 19. September 2016