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Religionen

Gegen «Religiophobie» – für ein offenes Miteinander

29.09.2016
Zürcher Lehrhaus wandelt sich zum «Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog» (ZIID). Hinter dem neuen Namen steckt auch ein neues Konzept. Neben den traditionellen Inhalten soll es nun auch Events geben, neben theologischer Wissensvermittlung mehr religionspolitische Einmischung.

Technopark, Hotels und Wohntürme ringsum – das ist die neue Adresse des altehrwürdigen Zürcher Lehrhauses in Höngg. Noch stehen die alten, hölzernen Schulpulte im Schulungsraum des vierten Stocks, sozusagen als Relikte einer vergangenen Zeit. Aber mit dem Umzug ins Trendquartier Zürich-West demonstrieren die Pioniere des interreligiösen Dialogs: Wir sind im Mainstream der urbanen Gesellschaft angekommen. Mit der Namensänderung doppeln sie nach: Statt Zürcher Lehrhaus heisst es jetzt «Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog» (ZIID).

Bei der Eröffnungsparty geht aber dem ZIID-Stiftungsratspräsidenten Karl J. Zimmermann das Wörtchen «ZIID» nicht so leicht über die Lippen. Er begrüsst «im Namen des Lehrhauses». Am Ende der Rede kommt das zungenbrecherische Kürzel mit Doppel-I ganz flüssig und Zimmermann betont: «Institut bedeutet, sich auch im Gegensatz zum Lehrhaus mehr der Gegenwart verpflichtet zu fühlen.» Er streicht heraus, dass das Institut mit Positionsbezügen zur Religionspolitik gesellschaftspolitisch engagiert auftreten will.

Interreligiöses Kompetenzzentrum
Der alte Name «Zürcher Lehrhaus» stellte für die ZIID-Fachleiterin Islam, Rifa’at Lenzin, aus einem anderen Grund einen Stolperstein dar: «Lehrhaus ist ein rein jüdischer Begriff. Da lässt sich der Islam einfach nicht so leicht aufpropfen». Mit dem Namen ZIID hofft sie, dass auch die interreligiöse Diskussion des Instituts von den islamischen Gemeinschaften mehr wahrgenommen wird. In Zeiten, in denen der Islam unter Generalverdacht steht, macht sich Lenzin keine Illusionen. Sie ist schon froh, wenn das ZIID von Medien, Schulen und Institutionen als interreligiöses Kompetenzzentrum wahrgenommen wird.

Dass das Institut durchaus Renommee hat, zeigen die weitverzweigte Gästeschar mit Repräsentanten aus allen Religionen und vor allem die Anwesenheit von Jaqueline Fehr. Die Zürcher Regierungsrätin, in deren Ressort auch der Bereich Religion fällt, betonte nochmals: Die öffentlich-rechtliche Anerkennung sei ein wichtiger Schritt vor 50 Jahren für die Katholiken und vor wenigen Jahren für die Israelitische Cultusgemeinde Zürichs (ICZ). Deshalb wünscht sie sich, dass dieser Weg auch für islamische Gemeinschaften geöffnet wird.

Das fand wohl rundherum Beifall. Samuel Behloul, der für Hanspeter Ernst seit 1. September die Fachleitung Christentum übernommen hat, diagnostizierte auch: Der öffentliche Raum wird seit der Annahme der Minarett-Initiative von den Muslimen bestritten. «Der Islamophobie folgt nun die Religiophobie». Alles Religiöse werde verantwortlich gemacht für Intoleranz und Gewalt.

Neue Qualifikation: Kulturmanager
Michel Bollag wiederum, der nun Älteste im Trio der Experten der abrahamitischen Religionen, markierte, dass mit dem neuen Namen an einem neuen Ort auch ein neues Konzept verbunden ist: «Wir müssen uns öffnen hin zu einem jüngeren Publikum mit neuen Formaten». Ein Tribut an den Trend zur Eventkultur sei unvermeidlich. Er hebt aber den Warnfinger: Damit dürfe auf keinen Fall «die Verflachung der Inhalte» einhergehen. Events, Talks, Filme und Kulturveranstaltungen sollen Türöffner sein, um ein neues Publikum anzusprechen. Später im Gespräch räumt er ein, dass nun nicht nur theologisches Wissen gefragt sei, sondern «wir werden auch alle ein bisschen Kulturmanager» sein müssen.

Hier ist dann vor allem die neue Geschäftsleiterin Marianne Affolter gefordert. Die Religionswissenschaftlerin wird auch mit dem Fundraising betraut sein, um die Finanzierung des Instituts gewährleisten zu können. Als junge Mutter hofft sie, dass ihr Baby, wenn es 2034 volljährig ist, eine «neugierige, offene Gesellschaft» antrifft und nicht eine Gesellschaft, die von «Angst geprägt sich radikalisiert und andere ausschliesst». Der gegenseitige Respekt gegenüber anderen Ethnien und Religionen werde, so ihre Hoffnung, «nicht nur kraft Gesetz, sondern im Alltag gelebt.»

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Delf Bucher / reformiert. / 29. September 2016

Von der Mission zum Dialog

Am Anfang war das Interesse am Judentum. Vor mehr als 185 Jahren wurde die «Stiftung für Kirche und Judentum» gegründet. Im Hinterkopf schwirrte aber immer noch die Idee von der Mission herum, und so hiess die Stiftung auch bis 1973 «Schweizerische Evangelische Judenmission». Selbst 1942, als die wichtigsten Schweizer Theologen um Oskar Farner, Karl Barth und dem Flüchtlingspfarrer Paul Vogt einen Weihnachtsbrief an den Bundesrat schrieben, mit dem Appell gegenüber den jüdischen Flüchtlingen die Grenzen offen zu halten, fehlte nicht der Satz: «Es betrübt uns, dass das Judenvolk Jesus als den im Alten Testament angekündigten Messias nicht erkennt und annimmt.» Nach dem Holocaust hat sich die Nachkriegstheologie vollständig vom Missionsgedanken gelöst. Der jüdisch-christliche Dialog wurde nun partnerschaftlich geführt. Die beiden Landeskirchen bereiteten den Boden für ein gleichberechtigtes Miteinander von Juden und Christen in der Schweiz vor. Zeichen des Wandels werden beispielsweise 1960 sichtbar: Die Schweizerische Israelitische Gemeindebund nimmt erstmals an der Landesausstellung teil. 1993 war dann mit der Wahl von Ruth Dreifuss zur Bundesrätin das lange diskriminierte Judentum in der Mitte der Schweizer Gesellschaft angekommen. Im gleichen Jahr machte dann die Stiftung einen grossen Schritt. Sie gründete das Zürcher Lehrhaus mit eigenem Domizil in Höngg, als einem Ort, wo Juden und Christen gemeinsam lernen können. In den letzten Jahren öffnete sich das Lehrhaus für den Islam. Fachleiter Michel Bollag versichert, dass trotz der Neuausrichtung des ZIID die Tradition von Hebräischkursen und Thora- und Bibellektüre, nun um Arabisch und Koran ergänzt, weitergeführt wird.