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Gesellschaft

Zivilcourage ist ein Gottesgeschenk

Erika Rosenberg: Biografin von Oskar und Emilie Schindler und Carl Lutz.

Frau Rosenberg, Sie haben Bücher über Oskar und Emilie Schindler und Carl Lutz geschrieben, die Tausende Juden vor den Nazis gerettet haben. Waren diese Leute Helden?
Im Talmud steht: «Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.» Sicher waren diese Menschen «Helden», weil sie zivilcouragiert, menschlich und mutig handelten. Sie hätten wegschauen können, haben es aber nicht getan. Ihr Einsatz rettete unzählige Jüdinnen und Juden vor der Deportation. Schindlers engagierten sich von Oktober 1939 bis Mai 1945. Bereits 1938 schleuste Oskar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Tschechien Juden in seinem Autokoffer über die Grenze nach Polen. Um ein «Held» zu sein, muss man sich nicht unbedingt an Gesetze und Paragrafen halten.

Was hat diese Menschen dazu gebracht, Mut zu zeigen und so zu handeln?
In beiden Fällen handelten sie aus humanitären Gründen. Bei Carl Lutz lässt sich ein Prozess erkennen, der 1937 begann, als er in Palästina als Vize-Konsul in der schweizerischen Delegation tätig war. Aus seinem Fenster musste er mit ansehen, wie Araber eine Gruppe Juden erschlugen und erstachen. Daraufhin schrieb er an seinen Bruder Walter einen sehr bewegenden Brief. Bei Schindler war es anders, er lebte schon als Kind in gutem Einvernehmen mit Juden. Die Kinder des Rabbis waren in seiner Geburtsstadt Zwittau seine Freunde. Die beste Jugendfreundin von Emilie war die Jüdin Rita Grosz.

Warum blieben andere untätig und schauten weg?
Aus verschiedenen Gründen: Angst, politische Ideologien, Gehirnwäsche durch die Nazis, Antisemitismus, Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen, oder sie wollten unter den Nazis Karriere machen. Es gibt zahlreiche Gründe.

Ist Zivilcourage angeboren?
Ich denke, sie ist eine «Tugend», eine Begabung, ein Gottesgeschenk. Aber man kann sie auch von klein auf erlernen, indem die Erwachsenen die Kinder dazu erziehen und selber Zivilcourage zeigen.

Apropos Gottesgeschenk. Setzen sich gläubige Menschen stärker für andere ein?
Nicht unbedingt. Es hat viel mehr mit dem Mitgefühl zu tun, das ein Mensch für den Nächsten, auch für Tiere, für alles, was lebt, empfindet.

Sie selbst sind Tochter deutscher Juden, die 1936 vor dem Holocaust nach Argentinien geflüchtet sind. Sehen Sie dadurch die Menschen, die Widerstand leisten und sich für andere einsetzen, in einem besonderen Licht?
Selbstverständlich. Wenn viele mehr so gehandelt hätten, wären noch viele mehr gerettet worden. Aber leider gab es nicht viele, die sich trauten oder wagten. Solche Menschen haben mir immer stark imponiert. Sie opferten alles, um andere zu unterstützen und zu retten.  

Die Biografien von Lutz, Schindler und anderen zeigen, dass die Anerkennung für solche Leistungen oft ausbleibt. Warum gibt es so wenig Dank?
Albert Schweitzer sagte einen sehr interessanten Satz: Wer einem Tier zu Fressen gibt, dem leckt es aus Dankbarkeit die Hand. Aber wer einem Menschen zu Essen gibt, dem wird die Hand abgebissen. Zum Glück sind nicht alle Menschen so, die meisten sind dankbar. In meinem Leben habe ich oft Menschen getroffen, die mir für meine kleinen und bescheidenen Leistungen dankbar waren. Bis jetzt habe ich immer gute Erfahrungen gemacht. Traurig sind aber die Fälle von Oskar und Emilie Schindler und Carl Lutz. Wahrscheinlich war die Gesellschaft zu der Zeit noch nicht bereit zu akzeptieren, dass sie selbst Mitschuld am Krieg hatte. Die meisten schauten ja weg. Weltweit, sogar die mächtige Kirche, die Regierungen der Grossmächte England und USA. Was haben die Engländer und Amerikaner gemacht? Denken Sie an die Evian-Konferenz 1938.

Wofür würden sich Schindlers und Carl Lutz heute einsetzen?
Meines Erachtens für dieselben Werte, nur in einer anderen Art. Sie würden sich weiterhin mit Leib und Seele für die Menschenrechte einsetzen. Für mich gehören sie zu den Sternstunden der Menschheit.

Interview: Tilmann Zuber, 30.9.2016