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Gesellschaft

Religionsunterricht «Auch konfessionslose Kinder haben ihre Fragen»

Immer mehr konfessionslose Kinder besuchen den Religionsunterricht und fordern die Kirchen heraus. «Auch deren Anliegen sollte die Kirche ernst nehmen», sagt Fachstellenleiterin Religionsunterricht und Katechetin Regula Eichelberger.

Während die Anzahl der Mitglieder abnimmt, stehen die Landeskirchen vor einem neuen Phänomen: Immer mehr konfessionslose Kinder besuchen den Religionsunterricht. Als man in Olten Stadt die nicht kirchlichen Primarschüler und Schülerinnen zum Schnupperkurs einlud, meldete sich die Hälfte an.

Seit Kurzem liegen die neuesten Zahlen vor: Im letzten Schuljahr besuchten in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Olten 116 konfessionslose Kinder und 76 Kinder aus einer anderen Religion oder Freikirche den Religionsunterricht. In anderen Gemeinden dürften die Zahlen ähnlich sein. «Da sind die Kirchen gefordert», sagt Regula Eichelberger von der Fachstelle Religionsunterricht. «Konfessionslos bedeutet nicht, dass die Leute nicht gläubig sind.» Der Rückzug aus der Institution Kirche geschehe im Zug der Privatisierung der Religion. Trotzdem bleibt der Glaube Thema. Und die Eltern wissen oft nicht weiter, wenn ihre Kinder sie nach Gott und Bibel fragten. Viele seien verunsichert.

Manchmal wüssten die Eltern nicht einmal, welcher Konfession sie angehörten oder ob ihr Kind katholisch oder reformiert getauft ist, so Eichelbergers Erfahrung. Die Katechetin erlebt die konfessionslosen Kinder als sehr offen. Sie zeigten sich interessiert, stellten auch kritische Fragen. Etwa wenn sie wissen wollen, ob das mit Adam und Eva wahr sei oder warum Gott den Grossvater sterben liess. Für Eichelberger sind solche Fragen willkommen, bieten sie doch Anlass, über Glauben kindergerecht zu reden. Da hätte der Religionsunterricht einiges zu bieten, so die Katechetin.

In den Lektionen thematisiere man die christlichen Werte und zeige, was Halt im Leben gibt und wie «man einen Draht zu Gott» finde. Negative Reaktionen gibt es kaum. Im Gegenteil: Wenn die Kinder zu Hause vom Unterricht erzählen, löst dies beim Mittagstisch das eine oder andere Gespräch aus. Einmal tauchte ein muslimischer Vater aus dem arabischen Raum im Klassenzimmer auf und teilte mit, er fände es gut, wenn seine Tochter den Religionsunterricht besuche. Er nähme seine Kinder ja auch mit in die Moschee. «Das ist ein kirchlicher Unterricht»

Kostenlose Schnupperkurse
Der Kanton Solothurn kennt das Zwei-Säulen-Modell: Neben dem konfessionell-kirchlichen Unterricht gibt es im Rahmen der Schule einen ökumenischen Religionsunterricht, den die Kirchen verantworten und finanzieren. Dieser steht allen Kindern offen, egal, ob sie christlich oder konfessionslos sind. Eichelberger betont, dass dies ein kirchlicher Unterricht ist. Vielen Eltern sei dies nicht bewusst. Sie meinten, er sei schulisch und sind dann erstaunt oder gar verärgert, wenn ein Schreiben der Kirchgemeinden mit der Einladung zur Kindermitgliedschaft ins Haus flattert.

Die Solothurner Interkonfessionelle Konferenz empfiehlt, von Nichtmitgliedern einen Beitrag von zweihundert Franken zu verlangen. Die Kirchgemeinden handhaben dies verschieden: Olten beispielsweise bietet einen kostenlosen Schnupperkurs für ein bis zwei Jahren an. Dafür ist eine Anmeldung für den Religionsunterricht mit dem schriftlichen Einverständnis der Eltern notwendig. Danach können Eltern, deren Kinder weiterhin den Religionsunterricht und andere Angebote besuchen, die Kindermitgliedschaft in der Kirche abschliessen Der Kirchensteuerbeitrag ist sozial abgefedert, meint Regula Eichelberger. Von gratis bis 400 Franken Wie stark die Eltern zur Kasse gebeten werden, ist kantonal verschieden.

Bis zu 400 Franken
Wie eine Umfrage von ref.ch zeigt, verlangen die Kirchen in den Kantonen Bern, Uri, Schaffhausen, Ob- und Nidwalden und Aargau nichts. «Uns ist es wichtig, diesen Kindern den christlichen Glauben und soziale Werte vermitteln zu können», sagt Frank Worbs, Sprecher der Aargauer Landeskirche. Die Bündner Kirche empfiehlt von den Nichtmitgliedern 100 Franken zu verlangen und die Zürcher Landeskirche einen Betrag von 400 Franken. Das sei gerecht. «Manche Eltern treten aus der Kirche aus und lassen ihre Kinder auf Kosten der Kirchensteuerzahler den Religionsunterricht besuchen», meint der St. Galler Kirchenschreiber Markus Bernet gegenüber ref.ch. «Solchen Eltern kann ein gewisses Schmarotzertum nachgesagt werden.»

Regula Eichelberger mag nicht urteilen. Für die Kirche sei es wichtig, auch die Anliegen der Konfessionslosen ernst zu nehmen. «Man soll sie respektieren und ihnen zeigen, welche enormen Schätze die Bibel und die kirchlichen Traditionen und Feiertage bergen.

Tilmann Zuber