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Gesellschaft

«Die meisten treffen auf eine Wand des Schweigens»

Pfarrerin Sabrina Müller schreibt einen Blog über die Selbsttötung ihrer besten Freundin. Damit will sie das Stillschweigen beim Thema Suizid brechen. Der Blog kommt gut an – ist für die Schreibende aber auch eine Gratwanderung.

«Heute sind es zehn Jahre, seit sich meine beste Freundin das Leben genommen hat», postete Pfarrerin Sabrina Müller vor ein paar Wochen auf Facebook. Damit lancierte sie einen Blog zum Thema Suizid. Müller schreibt darin über ihren Trauerprozess: das komplizierte Abschiednehmen, ihre Fragen, Zweifel und Schuldgefühle. «Ich will damit anderen in dieser Situation Mut machen, nicht alleine und mit Schuldgefühlen zu trauern», erklärt sie ihre Motivation auf Anfrage.

Die Verarbeitung eines Suizids sei zwar verschieden, vieles aber typisch. «Die meisten treffen auf eine Wand des Schweigens.» In den Medien sei Suizid zwar kein Tabu mehr, im persönlichen Umfeld jedoch nach wie vor. «Der Tod macht sprachlos, aber noch viel schwieriger ist es bei einem Suizid.» Mit dem Teilen ihrer Erfahrungen will sie deshalb vor allem zur Sprachfähigkeit beitragen. Als Pfarrerin werde von ihr erwartet, eine Sprache zu haben für etwas, was man am liebsten verdränge und nicht anspreche.

Seelenstriptease vermeiden
Warum hat sie zehn Jahre gewartet damit? Sie habe im ersten Jahr nach dem Tod ihrer engsten Vertrauten versucht, in ihrem Umfeld darüber zu reden, sagt Müller. Man habe sie aber nur «erschreckt und verstört» angeschaut. «Jeder, den ich damit konfrontierte, war überfordert.» So habe sie es eben bleiben lassen und sei dabei auch selber verstummt. Das habe letztendlich ihre Trauerarbeit behindert. «Es ist nun Zeit, darüber zu sprechen», findet Müller und hofft, andere anzuregen, ihre Geschichte zu erzählen.

Unter dem Namen «totsächlich» sind inzwischen sieben Beiträge erschienen, etwa zwanzig sollen es werden. Müller taucht beim Schreiben nochmals tief in Erinnerungen ein, schaut Bilder, Briefe und Tagebücher an. «Auch nach zehn Jahren fällt das nicht leicht», gibt sie zu. Manche ihrer Aussagen seien schon vielfach reflektiert, andere lösten immer noch starke Emotionen aus. Es habe sie viel Mut gekostet, den ersten Beitrag freizuschalten, offenbart Müller. «Ich bin mich nicht gewohnt, so persönlich zu schreiben.» Die Grenzlinie zum Seelenstriptease sei schnell überschritten.

Positive Feedbacks
Dass ihr Blog gut ankommt, bestätigen die Rückmeldungen. Viele bedanken sich für die Beiträge, teilen sie oder hinterlassen Kommentare. «Sollte zum Pflichtlesestoff in der Pfarrausbildung gehören», meint gar ein Berufskollege. «Suizid ist praktisch-theologisch noch wenig thematisiert», bestätigt auch Müller. Ihre Offenheit mit dem Thema jedenfalls zeigt Wirkung: Leute sagen ihr, der Blog habe sie bewogen, ihre eigene Geschichte zu erzählen und nicht mehr länger zu schweigen.

«Totsächlich» – der Blog von Sabrina Müller

Raphael Kummer / ref.ch / 13. Oktober 2016

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

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