News aus Basel-Stadt, Baselland, Solothurn, Zentralschweiz, Schaffhausen

Zwischen Barmherzigkeit und Ärgernis

min
12.10.2020
Die Stadt Basel diskutiert derzeit heftig die Frage, ob das vor Kurzem aufgehobene Bettelverbot wieder eingeführt werden soll. Denn die Zahl der Bettler aus Osteuropa nimmt zu. Was ist aus christlicher Optik davon zu halten?

┬źZwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.┬╗ In dieser faustischen Gef├╝hlslage befinden sich wohl viele Menschen, wenn sie entscheiden m├╝ssen, ob sie einer Bettlerin ein Geldst├╝ck geben oder nicht. Seit Basel am 1. Juli das Bettelverbot aufgehoben hat, sind in der Stadt vermehrt Bettler anzutreffen. Meist stammen sie aus Rum├Ąnien, treten teilweise fordernd auf und n├Ąchtigen auf den gut gepflegten Gr├╝nfl├Ąchen der Innenstadt. Der Diskurs um das F├╝r und Wider von Bettelei wird derzeit emotional gef├╝hrt und besch├Ąftigt Medien und Politik gleichermassen. Nicht nur in Basel.

Not oder Gesch├Ąftsmodell?
Dass derzeit viele Bettler unterwegs sind, best├Ątigt auch Pater Armin Russi, Prior der Klostergemeinschaft Mariastein im Kanton Solothurn. ┬źDie Bettler auf dem Klosterplatz sind oft ein Problem. Wenn man sie wegschickt, sind sie bald darauf wieder da. Und leider sind sie oft auch frech.┬╗ An der Pforte und in Briefen w├╝rden viele Geldw├╝nsche ├Ąussern. Ein Mitbruder k├╝mmere sich um diese Menschen. Manchmal m├╝sse er sie wegweisen. Es sei vielfach schwierig zu beurteilen, ob es sich um wirkliche Not oder um ein Gesch├Ąftsmodell handle. ┬źGeld geben wir keines mehr, sondern nur noch Gutscheine oder Lebensmittel. Damit sind aber nicht alle gl├╝cklich┬╗, sagt Pater Russi. Als Christ und Katholik orientiere er sich am Theologen Karl Rahner, der postulierte, dass es besser sei, vielleicht einmal mehr ├╝bers Ohr gehauen zu werden, als jemandem die Hilfe zu verweigern.

Bettelverbote in der Reformation
Ein Blick zur├╝ck ins Mittelalter und in die fr├╝he Neuzeit zeigt, dass Bettelei schon damals ein Problem war und nach beh├Ârdlicher Regulierung verlangte. Im 15. Jahrhundert wurden in verschiedenen St├Ądten bereits Armenordnungen erlassen. Mit der Ausgabe von Bettelbriefen suchten Beh├Ârden das Ausmass und die Berechtigung, innerhalb einer Stadt ├Âffentlich um Gaben zu bitten, zu steuern.

Die Reformation stellt insofern einen Einschnitt dar, als mit der Abl├Âsung von den bisch├Âflichen Strukturen und dem breit angelegten Stifterwesen auch die Versorgung von Armen, Alten und Kranken neu zu gestalten war. ┬źDie erste st├Ądtische Sozialordnung der Reformation ist die Wittenberger Stadt- und Gemeindeordnung vom 24. Januar 1522. Sie war das Ergebnis eines st├Ądtischen und kirchlichen Abstimmungsprozesses. Massgebliche Inhalte gehen auf den sp├Ąteren Basler Professor Andreas Bodenstein von Karlstadt zur├╝ck┬╗, erkl├Ąrt Martin Kessler, Professor f├╝r Kirchen- und Theologiegeschichte an der Universit├Ąt Basel.

Das erste Bettelverbot der Reformation betone, dass Anspruch auf Unterst├╝tzung nur diejenigen haben sollen, die der Stadt ohnehin verbunden und nicht mehr arbeitsf├Ąhig sind. Der sp├Ątere Basler Reformator Johannes Oekolampad formulierte seine ersten ├ťberlegungen zu einer institutionellen Armenf├╝rsorge im M├Ąrz 1523. In Anlehnung an den Kirchenvater Johannes Chrysostomos postulierte er, dass die ├Âffentlichen Beh├Ârden daf├╝r verantwortlich seien, die hilfsbed├╝rftigen Armen zu definieren. Sie m├╝ssten zwischen Betr├╝gern und Notleidenden unterscheiden.

Almosenordnung von 1525
┬źIn Z├╝rich wurde eine Almosenordnung 1525 erlassen. Mit ihr ├╝bernahm die Stadt weithin die Verantwortung f├╝r die Armenf├╝rsorge. In Basel arbeitete man im Folgejahr an einer st├Ądtischen Armenordnung. Die Basler Reformationsordnung von 1529 ging auf die Armutsfrage nicht mehr ein.

Vor, w├Ąhrend und nach der Reformation bleibt der Umgang mit der Armutsfrage eine pers├Ânliche und gemeinschaftliche Herausforderung, wie sie auch in Matth├Ąus 25 mit den sogenannten Werken der Barmherzigkeit angezeigt wird┬╗, erkl├Ąrt Martin Kessler. Diese fordern dazu auf, dem geringsten der Br├╝der Christi zu dienen: Hungrige speisen, Fremde beherbergen oder Kranke und Gefangene besuchen. ┬źIn dieser Verantwortung┬╗, so Kessler, ┬źstehen wir, als Einzelne und als Gesellschaft.┬╗

Toni Sch├╝rmann, kirchenbote-online

Unsere Empfehlungen

69-Jährige im neuen Look

69-Jährige im neuen Look

Das «Wort zum Sonntag» gehört zu den ältesten Sendungen von SRF. Jetzt wurde ihr Auftritt optisch überarbeitet. Über die alte Sendung in neuem Glanz.