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Politik

Die filmreife Kanzel

13.09.2017
Reformation mit Videoclips: Junge Erwachsene bauen eine Kanzel und filmen ihre Ideen zur Veränderung der Welt. Eine St. Galler Idee geht auf Wanderschaft.

Ein Gottesdienst ist wie ein Dreh auf einem Filmset. Oder, etwas weniger zugespitzt gesagt: Predigt und Kunst haben Vergleichbares. Besonders befruchtend für die Predigtarbeit sind «bewegte» Künste wie Theater und Film. Wie ein Regisseur seine Schauspieler auftreten lässt, inszeniert der Prediger Motive der Bibel. 

Die Belehrung von oben ist unbeliebt
Dazu braucht es ein Bühnenbild: Für eine Predigt gehört die Kanzel prominent dazu. Zwar ist diese Inneneinrichtung der Kirchen etwas aus der Mode gekommen, denn im 21. Jahrhundert ist Belehrung «von oben herab» unbeliebt. Das «Netzwerk Junge Erwachsene» der St. Galler Kirche entdeckt nun aber die Kanzel in einer spielerischen Form neu. Für das Reformationsjubiläum baut eine Gruppe von «Millenials», wie diese Altersgruppe heisst, eine mobile Kanzel. Darauf predigen sie an verschiedenen öffentlichen Orten kurz, prägnant und verständlich. Die Auftritte werden professionell gefilmt und sind ab Mitte 2018 in mehrminütigen Videoclips zu sehen.

«Wir wollen nicht Prominenz auf der Kanzel, sondern Leute, die sonst keine Bühne haben.»

Ein Kanzel für jedermann 
Die 29-jährige Elian Bösch hat für das Projekt «Endlich auf der Kanzel!» ein befristetes 10-Prozent-Pensum. Ein Team ehrenamtlicher junger Erwachsener unterstützt sie. Ab Oktober wird die Kanzel hergestellt, bis im Dezember soll die Gruppe der Kanzelrednerinnen und -redner beieinander sein (siehe Kasten). Was muss man mitbringen, um dabeizusein? «Den Wunsch, endlich sagen zu können, was sich in dieser Welt verändern muss», sagt Elian Bösch. Denn wie die Reformation vor 500 Jahren eine grundlegende Erneuerung wollte, sollen rund zwanzig junge Erwachsene von der mobilen Kanzel aus ihre Reformationsbotschaft von 2017 der Welt mitteilen. Aufmerksamkeit soll das Kanzelprojekt nicht mit bekannten Namen wecken, sondern mit ungewöhnlichem Inhalt. «Wir wollen nicht Prominenz auf der Kanzel, sondern Leute, die sonst keine Bühne haben.»

«Wir müssen Bildungschancen für Flüchtlinge und teilweise Mitbestimmung von Ausländern schaffen. Die Kirche muss den Menschen am Rand der Gesellschaft eine Heimat geben.»

Gruppenprozess

Welche Ideen erwartet Elian Bösch als «Reformationsbotschaft 2017»? «Unser Projekt ist ein Gruppenprozess», sagt die Primarlehrerin, die schon in weiteren Anlässen Glaube und Kunst zusammengebracht hat. «Wir arbeiten mit dem, was aus der Gruppe in der Vorbereitung kommt.» Im Inhalt sind die «Millenials» frei, die Kanzelrede muss aber innerhalb von «Political Correctness» stattfinden. Auch Elian Bösch steigt möglicherweise auf die Kanzel, eine Botschaft hat sie jedenfalls bereits parat. «Die Reformation ist eine Bildungsbewegung, weil sie den Zugang zur Bibel für alle Menschen schafft. Das bedeutet für heute: Wir müssen gleiche Bildungschancen für Flüchtlinge und teilweise politische Mitbestimmung von Ausländern schaffen. Und unsere Kirche muss den Menschen am Rand der Gesellschaft eine Heimat geben.»

Grüne Wiese, Shopping-Arena
Die Herstellung der Videoclips macht eine darauf spezialisierte Firma, wofür ein Grossteil des 25 000-Franken-Budgets eingesetzt ist. Bis es «Film ab» heisst, ist viel zu entscheiden: zum Beispiel die Wahl der Auftrittsorte. Das kann die «Shopping-Arena» in Winkeln oder der Marktplatz in der Stadt St. Gallen oder Rapperswil sein. Der Filmdreh soll Passanten einbeziehen und kann auch zu einer Performance werden. Aber die Kanzel kann auch mal auf einer weiten, leeren grünen Wiese im Toggenburg oder Rheintal stehen. 

 

Text | Foto: Daniel Klingenberg, Journalist und Pfr., Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg  – Kirchenbote SG, Oktober 2017

 

Wer will auf die Kanzel?

Die Anmeldefrist für «Endlich auf der Kanzel!» läuft bis 15. Dezember 2017. Wer mitmachen will, sollte zwischen 25 und 35 Jahren jung sein und Lust haben, seine Ideen zur Veränderung der Welt auf der Kanzel vorzutragen. An zwei Drehtagen im März und Juni 2018 entstehen maximal vier Videoclips mit rund zwanzig Kanzelrednerinnen und -rednern. Die Clips stehen den Kirchgemeinden und der «digitalen Community» in den sozialen Netzwerken zur Verfügung. 

Kontakt und Anmeldung: kanzel@ref-sg.ch oder www.junge-erwachsene.ch. 

 


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