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Gesellschaft

«Es gab viel Hilflosigkeit, aber auch viel Hilfsbereitschaft»

Ein Erdbeben lässt die eigene Macht- und Hilflosigkeit drastisch erleben – aber nicht nur. So erging es dem Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller in den Ferien in Indonesien.

Am Sonntagabend, 5. August, bestellten der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller und seine Familie in einem Hotel auf der indonesischen Insel Lombok ihr Abendbrot. «Es sollten sogenannte Traumferien sein, und das waren sie bis dann auch», sagt Müller im Rückblick. Doch kurz vor 20 Uhr habe es begonnen «zu rütteln und zu scherbeln». Manche Gäste seien sofort hinausgerannt, andere hätten zuerst unter Tischen Schutz gesucht. Der Strom fiel aus.

Ein Raunen bei jedem Beben
Hals über Kopf sei man dann aufgebrochen. «Es hiess, ein Tsunami könnte kommen. Wir gingen alle zuerst etwa eine Stunde lang vom Ufer weg auf eine Anhöhe. Dann wurden wir mit einem Pick-up auf einen Hügel gefahren», erzählt Michel Müller. Es folgte eine unheimliche Nacht unter freiem Himmel, zusammen mit rund tausend Menschen, teils nur im Badkleid, teils verletzt. Ein Raunen sei immer wieder durch die Menge gegangen, wenn die Erde erneut bebte. Vier Menschen starben auf dem Hügel. Der Tsunami traf schliesslich glücklicherweise nur als gefahrlose Welle mit 13 cm Höhe ein.

Müller und seine Familie befanden sich nahe des Epizentrums mit einer Stärke von 6.9 auf der Richterskala. In der Woche darauf gab es Nachbeben mit Stärken bis zu 5.9. Bisher wurden über 400 Tote gezählt, voraussichtlich wird die Zahl weiter steigen. Rund 400'000 Menschen mussten ihr Zuhause verlassen. Der Schaden wird zurzeit mit mehr als 340 Millionen Franken angegeben.

«Beeindruckende gelassene Effizienz»
«Wir hatten sehr viel Glück», sagt Michel Müller. Das Wichtigste habe er für die Familie noch holen dürfen aus dem Hotel. Sie hätten ohnehin die Rückreise geplant für den Montag. «Das Hotelpersonal und die Einheimischen haben enorm vernünftig reagiert, mit beeindruckender gelassener Effizienz.» Die Leute seien versorgt worden mit Wasser und Essen, Decken und Notzelten. Transporte seien organisiert worden. Ihren Flug nach Hause konnte die Familie Müller schliesslich wie geplant antreten.

«Das ganze Ereignis beschäftigt uns sehr», beschreibt der Kirchenratspräsident. Das Wissen, dass starke Nachbeben stattfanden, dass die Menschen einfach dort sind und sein müssen, ohne Strom, ohne Einkommen, den Naturkräften ausgeliefert. Die Erfahrung, selbst sofort aufbrechen zu müssen, nur mit dem, was man am Leib trägt. Vier Koffer und einiges an materiellem Wert hätten sie zurücklassen müssen.

«Die Welt ist ein Dorf»
Und doch erlebte Müllers Familie im Ganzen nicht einfach Ohnmacht und Elend. «Es gab zwar viel Hilflosigkeit, aber umso mehr auch Hilfsbereitschaft. Wir konnten Hilfe anbieten, wir mussten und durften Hilfe annehmen. Es gab keine Hierarchie», sagt Michel Müller. Sehr bewusst geworden seien sie sich der Privilegien des eigenen Lebens. Und vor allem: «Die Welt ist ein Dorf. Es kann irgendwo etwas passieren. Und es kann dich betreffen.»

Marius Schären, reformiert.info, 14. August 2018

Caritas international bittet um Spenden für Nothilfe nach dem Erdbeben in Lombok: Spenden


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