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Kirche

Für Fehlertoleranz und Geschwisterlichkeit

Die Abgeordneten des Kirchenbunds streichen die Legislaturziele des Rates von der Traktandenliste. Kirchenbundspräsident Gottfried Locher will nun Ziele erarbeiten, die das Parlament beschliessen kann.

Die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds beginnt am 16. Juni mit einem Paukenschlag. Der Aargauer Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg forderte, das Traktandum 5 von der Liste zu streichen und zerpflückte die an dieser Stelle aufgeführten Legislaturziele des Rates.

Die 14 Ziele, die mit 54 Massnahmen verknüpft wurden, «atmen nicht den Geist der neuen Verfassung», sagte Weber-Berg. Der Rat formuliere einen ungerechtfertigten Führungsanspruch. Die neue Verfassung des Kirchenbunds, der 2020 in die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz aufgehen wird, ist beschlossen, aber noch nicht in Kraft.

Das nebulöse Wir
Besonders störte sich Weber-Berg am Wort «Wir», mit dem jede Massnahme beginnt. «Er ist unscharf und klingt paternalistisch.» Zudem könne der Rat nur Ziele formulieren, die er selbst erreichen könne, und nicht solche, die in der Kompetenz von Gemeinden und Kantonalkirchen liegen.

Unterstützung erhielt Weber-Berg aus Bern und Zürich. Synodalratspräsident Andreas Zeller forderte, dass zuerst Handlungsfelder definiert und erst in einem Jahr Ziele verabschiedet werden. Kirchenratspräsident Michel Müller ermunterte den Rat, «nicht mit einer so holprigen Sache» vorlieb und in Ruhe einen neuen Anlauf zu nehmen.

Weil es sich nicht um eine Beschlussvorlage handelte, blieb den Abgeordneten kein anderes Instrument als der Eingriff in die Traktandenliste übrig. Denn die Ziele des Rates werden ihnen nur zur Kenntnisnahme vorgelegt. Mit 40 zu 22 Stimmen stimmten die Abgeordneten der Streichung zu.

Auf der Suche nach dem Wir-Gefühl
Gottfried Locher nahm den Ball in seinem «Wort des Präsidenten» auf und betonte, dass es auch ihm um eine Kirchengemeinschaft und nicht um eine hierarchisch aufgebaute Einheit gehe. Seine Rede deklarierte er deshalb als «state of the communion». Er verstehe das Unbehagen, sagte Locher. Der Kirchenbund stecke «zwischen den Zeiten». Die alten Strukturen des Dachverbands seien noch nicht abgestreift. «Als Kirchengemeinschaft brauchen wir ein Wir-Gefühl.»

Locher kündigte an, dass die Ziele und Massnahmen gemeinsam erarbeitet werden. «Die evangelische Kirche Schweiz benötigt einen neuen Prozess, um Legislaturziele zu erarbeiten, die von der Synode beschlossen werden.» Zudem sollen möglichst bald die verlangten Handlungsfelder geschaffen werden.

Ein Appell und ein Tadel
Sein Entgegenkommen verband Locher mit einem Appell: «Kritisieren wir sachlich und verzeihen wir grosszügig.» Die Zusammenarbeit müsse im Zeichen der Geschwisterlichkeit aller Getauften erfolgen. «Wir setzen alle zum ersten Mal eine neue Verfassung um.» Fehlertoleranz sei deshalb das Wort der Stunde.

Locher kritisierte in diesem Zusammenhang den Angriff auf den Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller, der sich bei den Wahlen im Herbst mit zwei Gegenkandidaturen konfrontiert sieht. «Einen amtierenden Präsidenten greift man nicht an», sagte Locher. Freilich hatte Müller zu jenen gehört, die Locher vor einem Jahr nicht mehr wählen und durch Rita Famos ersetzen wollten.

Debatte statt Gruppenarbeit
Intensiv befassen sich die Abgeordneten an ihrer Versammlung, die in der methodistischen Kirche in Winterthur stattfindet, mit der Antwort des Rats auf die Motion «Familie, Ehe, Partnerschaft, Sexualität aus evangelisch-reformierter Sicht», welche die St. Galler Kirche vor drei Jahren eingereicht hatte.

Anders als vom Büro vorgeschlagen, wird nun nicht in Gruppen diskutiert, sondern – wie in Parlamentsdebatten üblich – im Plenum debattiert. Ein entsprechender Ordnungsantrag von Michel Müller fand eine deutliche Mehrheit.

Ratsvizepräsident Daniel Reuter betonte, dass die Positionen innerhalb des Kirchenbunds unvereinbar seien. In der Arbeitsgruppe, die er präsidiert und moderiert hatte, sei das Verständnis für die unterschiedlichen Haltungen jedoch gewachsen. Diesen Effekt hätte er sich von den Gruppenarbeiten erhofft.

Ein heisses Eisen
Dringlicher scheint den Abgeordneten die Positionierung in der Debatte. Schliesslich bekam der Rat die Vernehmlassungsfrist für seine Stellungnahme zur parlamentarischen Initiative für die Ehe für alle verlängert. Das Stimmungsbild in der Abgeordnetenversammlung, wie es sich in Winterthur zeigen wird, fliesst in die Stellungnahme des Rates ein.

Felix Reich, reformiert.info, 18. Juni 2019 


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