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Gesellschaft

Flüchtlinge im Mittelmeer

Tote ohne Namen in schwer auffindbaren Gräbern

13.02.2020
Die toten Flüchtlinge aus dem Mittelmeer werden oft unidentifiziert auf Friedhöfen versorgt. Das ist eine Erkenntnis aus der Dissertation der Religionswissenschaftlerin Daniela Stauffacher.

Was passiert eigentlich mit den Toten, die das Mittelmeer im Süden Italiens zum Vorschein bringt? Fast 19’000 Bootsflüchtlinge sind in den letzten fünf Jahren im Mittelmeer ertrunken. Viele davon verschwinden in den Fluten. Aber einige werden an Strände geschwemmt und drängen ins Bewusstsein der Bevölkerung.

Daniela Stauffacher geht der Frage nach. Die Religionswissenschaftlerin begann 2017 mit der Vorbereitung ihrer Dissertation. Mehrere Monate verbrachte sie im Süden Italiens, in Kalabrien, auf Sizilien. «Ich suchte Gemeinden auf, Friedhöfe, Archive, las Gesetzestexte, Urkunden, Gerichtsprozessakten, forensische Daten, schaute Fotos an», zählt die Zürcherin auf. Und sie führte Gespräche, mit Augenzeugen, Fischern, Gemeindeangestellten, Bestattern, Polizistinnen, einem Bischof, Feuerwehrleuten.

«Die Recherche war nicht besonders schwierig, meistens stiess ich auf Wohlwollen», sagt Stauffacher. So kamen Berge von Texten, Tönen, Bildern, Videos und Objekten zusammen. Zurzeit ist die Doktorandin des Religionswissenschaftlichen Seminars an der Uni Zürich daran, diese aufzuarbeiten und zu ordnen.

Minimales Ritual
Daniela Stauffacher kann heute schon ein paar Erkenntnisse nennen. «Je näher die Toten in belebten Regionen zum Vorschein kamen, desto intensiver wurde das Ereignis verarbeitet. Es berührt emotionell anders, wenn viele Menschen die Leichen sehen.» Wenn hingegen nicht viele Personen ein Unglück mitbekommen, werden die Toten ohne Beteiligung der Bevölkerung einfach am Hafen gesegnet, aufgebart und dann begraben – ohne Zeremonien. «Bei Toten ohne Identität wird das Ritual aufs Minimum reduziert», sagt Stauffacher.

Erstaunt war die Forscherin, dass die Toten überhaupt nicht systematisch dokumentiert werden. «Die Bestattungsmodalitäten sind stark durch die lokalen Akteure bestimmt.» Auf Friedhöfen werden sie häufig irgendwo zwischen den einheimischen Gestorbenen beigesetzt. «Es gibt nirgends eine Datenbank, die festhält, wo wer bestattet wurde», stellt Daniela Stauffacher fest. Die meisten Toten bleiben ohne Namen.

Über die Gründe dafür könne sie nur spekulieren. Es sei kaum im Interesse mancher Politiker offenzulegen, dass es so viele Tote gebe. «Und der Staat möchte wohl nicht fördern, dass allenfalls private Kläger ein leichteres Spiel haben könnten.» Allfällige Kritik versickere schneller wieder, wenn sich die Tragödien eher versteckt abspielten.

Identifikation wäre wichtig
Dabei wäre es für Hinterbliebene wichtig, ihre verstorbenen Angehörigen finden zu können. Und zwar nicht nur emotional, betont die Religionswissenschaftlerin: «Das hat auch eine ganz pragmatische Seite: Eine Ehefrau kann vielerorts keine Witwenrente beziehen, wenn der Ehemann bloss als verschollen gilt.»

Auf das Thema war Daniela Stauffacher bei ihrer Masterarbeit im «Dschungel von Calais» gestossen, einem Flüchtlingscamp in Frankreich. «Viele haben mir dort Geschichten erzählt von Bekannten oder Verwandten, die unterwegs starben. Ich entdeckte dann, dass bisher nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden ist, was mit diesen Toten geschieht.»

Ihr Interesse ist aber auch ganz persönlich. Alle Menschen hätten das Recht, mobil zu sein. «Dass einige daran gehindert werden, ist nicht in Ordnung», findet Stauffacher. Sie will nun noch einmal nach Süditalien reisen, um letzte Fragen für ihre Dissertation zu klären – etwa zum Posten der Kommissarin für verschwundene Personen, die es offenbar gebe.

Und vielleicht will sie ihre Doktorarbeit dann als populärwissenschaftliches Buch verarbeiten. Denn die Forscherin meint, dass ihre Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit als bloss der Wissenschaft bekannt werden sollten.

Marius Schären, reformiert.info, 12. Februar 2020


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