Logo
Religionen

Der Islam wird liberal

07.05.2020
Das Lesebuch «Muslimisch und Liberal» zeigt, wie der Islam mit moderner Koran-Auslegung anschlussfähig an die Moderne wird. Themen wie Homosexualität oder Kopftuchstreit werden nicht ausgespart.

Es ist eine bekannte Tatsache: Wer im Koran Suren sucht, die Gewalt und Krieg rechtfertigen, wird sie finden. Doch wer religiöse Toleranz und Friedfertigkeit herausstellen will, wird ebenfalls fündig werden. Die liberale Religionspädagogin und Publizistin Lamya Kaddor und ihre Mitstreiter folgen in dem Buch «Muslimisch und liberal» der Spur, die beweist, dass der Koran eine «vernunftoffene Gläubigkeit» offenbart. Wo sonst Traditionalisten Stein für Stein mit der Aufschrift Tabu aufschichten, öffnet sich die liberale Koran-Exegese so strittigen Themen wie Kopftuch, Gleichberechtigung, Homosexualität und Antisemitismus. Für den liberalen Muslim wird das Ringen um die aufklärerische Wahrheit zum wahren Dschihad, ein Begriff, der viele Uninformierte zuallererst an Glaubenskrieg mit militärischen Mitteln denken lässt.

Der liberale Islam will Brückenbauer sein in einer multireligiösen Gesellschaft und die gesellschaftliche Polarisierung überwinden. Der grüne Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour weist in seinem Beitrag auf die kommunizierende Röhre zwischen Islamisten und Islamophoben von Pegida und AfD hin, die sich gegenseitig zur Bestätigung ihres Weltbildes brauchen. Die einen wollen mit Islamisierungsängsten die Deutschen aufwiegeln, die anderen nutzen die nationalistische Rhetorik um zu beweisen: Die Deutschen wollen nicht mit Muslimen zusammenleben.

Umkämpftes «Stückchen Stoff»
Lamya Kaddor wiederum widmet einen Beitrag dem Kopftuch. Das «Stückchen Stoff» ist das Reizobjekt par excellence in der kulturkämpferischen Debatte. Kaddor selbst trägt kein Kopftuch und argumentiert, dass dies in der europäischen Gegenwart keinen Sinn ergibt. Ursprünglich war das Tuch vor allem als Schutz vor übergriffigen Männern gedacht, was Kaddor mit Koranversen und Quellen aus der Aufbruchszeit des Islams belegt. Dank rechtsstaatlicher Regeln, die aufdringliche Männer bestrafen, ist das Gebot heute obsolet geworden.

Dieses Beispiel illustriert anschaulich: Die Suren im Koran können unterschieden werden in jene, die jenseits eines historischen Kontextes Allgemeingültigkeit besitzen, und in solche, die von den Zeitumständen abhängig sind. Zu den Letzteren gehört das Kopftuch. Diese Lesart eröffnet die Möglichkeit, den Koran anschlussfähig an die europäische Gegenwart zu machen. Deshalb steht es für Kaddor ausser Frage: «Der Islam gehört zu Deutschland.» Und den alten Vorwurf, dass Menschenrechte und Islam miteinander unvereinbar seien, räumt der deutsche Jurist mit iranischen Wurzeln, Waqar Tariq, aus. Bei seiner Auslegung der Schöpfungsgeschichte argumentiert er ähnlich wie die feministisch-christliche Theologie: Der Sündenfall wird für Adam und Eva zu einem Akt der Emanzipation. Tariq wörtlich: «Der Mensch «erhält ein Bewusstsein dafür, dass er ein Wesen ist, dass zwischen verschiedenen Handlungsoptionen wählen kann und mithin mit Freiheit ausgestattet ist … Nein zu Gott beziehungsweise zu Gottes Geboten zu sagen.»

Koran und die Würde des Menschen
Es gibt aber im koranischen Garten Eden eine klare Akzentverschiebung. Der Mensch ist nicht ebenbildlich mit Gott, was in der christlichen Menschenrechtstradition als Argument besonders betont wird. Aber der Mensch ist im Koran ebenfalls durch einen «göttlichen Funken», den er in sich trägt, herausgehoben. Tariq führt als Beleg Sure, Vers 70 an: «Nun haben Wir tatsächlich den Kindern Adams Würde verlie­hen (...) und sie vor vielen, die Wir sonst noch erschaffen haben, sichtlich ausgezeichnet.» Viel weitere Suren beweisen wie Koran und Menschenrechte durchaus übereinstimmen. So widerspricht Tariq der islamistischen Kritik, dass die Menschenrechte keine Allgemeingültigkeit besässen. Was eben auch zeigt: Aufgrund der Offenheit der alten Texte, ob Neues Testament, Koran oder jüdischer Tora, werden diese heilige Schriften in verschiedenen Epochen und von verschiedenen Gemeinschaften eine andere Auslegung erfahren. Für die Integration der Muslime im vormals christlichen Europa, wäre es ein Segen, wenn der liberale Islam die Deutungshoheit gewinnen könnte.

Delf Bucher, reformiert.info

Lamya Kaddor, 1978 als Tochter syrischer Einwanderer in Westfalen geboren, ist Publizistin, Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin. Sie engagiert sich für ein liberales Islamverständnis. Vor zehn Jahren, im Mai 2010, gründete Kaddor in Köln zusammen mit einigen anderen Muslimen den Liberal-Islamischen Bund, der für ein pluralistisches Gesellschaftsbild und umfassende Geschlechtergerechtigkeit einsteht. Aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums wurden nun die theologischen und gesellschaftspolitischen Positionen des Verbands in dem neuen Buch zusammengetragen.
Kaddor, Lamya (Hrsg.): Muslimisch und liberal!, Piper, S. 320, CHF 32,90.


Error loading Partial View script (file: ~/App_Plugins/MultiMostRead/Views/MacroPartials/IncrementView.cshtml)