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Leben & Glauben

Seuche

Der pestkranke Zwingli legte alles in die Hände Gottes

16.06.2020
Zürich wurde 1519 von einer schlimmen Seuche geplagt: von der Pest. Auch Huldrych Zwingli, damals noch katholischer Priester, erkrankte. Machte ihn seine Genesung zum Reformator?

Die Pandemie beherrschte im vergangenen Frühling den Alltag und die Berichterstattung weltweit. Nicht auszumalen, wenn die Menschheit statt vom mässig aggressiven Coronavirus von der fürchterlichen Pest heimgesucht worden wäre, ohne ein Mittel dagegen zu haben. Diese – heute heilbare – Infektionskrankheit, der im Mittelalter und der frühen Neuzeit in grossen Wellen auftrat, hat unbehandelt eine Sterberate von 40 bis 60 Prozent, in manchen Fällen bis zu 100 Prozent. Die Pest suchte im Jahr 1519 auch Zürich heim. Einige Quellen sprechen von einem Viertel, andere sogar von der Hälfte der Zürcher Bevölkerung, die an dieser Epidemie starb.

Dürftige Quellenlage
Auch der Reformator Huldrych Zwingli erkrankte Ende September 1519 an der Seuche. Allzu grosse Hoffnung auf Genesung durfte sich der 35-Jährige nicht machen. Im Oktober rang er mit dem Tod, doch wie durch ein Wunder ging es ihm ab Anfang November wieder besser, und Ende Dezember vermeldete er in einem Brief an einen Freund seine Genesung. Noch ein Jahr lang litt er aber an den Folgen der überstandenen schweren Krankheit. Zum Glück war es «nur» die Beulenpest, die in der Limmatstadt gewütet hatte; die Lungenpest hätte Zwingli mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht überlebt.

Wie hat der Sieg über den Schwarzen Tod Zwinglis Denken und Handeln beeinflusst? Kann man sogar sagen, dass Zwingli, der damals noch als katholischer Leutpriester amtete, durch sein Pesterlebnis erst so richtig in seinen neuen Ideen bekräftigt wurde und sich deshalb entschloss, konsequent den Weg der Reformation zu gehen? Anders gefragt: War das gefürchtete Killerbakterium ein Treiber der Zürcher Reformation? Oder sogar deren Auslöser?

Zwingli selber lässt sich über diese Frage nicht aus. Als einzige schriftliche Verarbeitung seiner Erkrankung und Genesung hat er sein berühmtes Pestlied hinterlassen. Ob man es als Zeugnis von Zwinglis neuen Glaubensvorstellungen betrachten soll oder ob es noch vorreformatorischen Geist atmet, ist in der Forschung umstritten, wie der Kirchenhistoriker Thomas Martin Schneider von der Universität Koblenz in einem Aufsatz darlegt (Zwingliana 35/2008).

Allein auf Gott bauen
Mit einiger Wahrscheinlichkeit entstand das Gedicht in der Endphase der Krankheit oder kurz nach der Genesung 1519 oder Anfang 1520. Der reformatorische Durchbruch Zwinglis erfolgte aber erst zwei Jahre später mit seiner Schrift gegen das Fasten. Zeichnen sich nun in seinem Pestgebet bereits reformatorische Ansätze ab?

Schneider bejaht dies in seiner Schrift. Er argumentiert im Wesentlichen mit den Versen «Tu, wie du willst; nichts halte ich für unannehmbar. Dein Gefäss bin ich; stelle es wieder her oder zerbrich es. Denn wenn du meinen Geist wegnimmst von dieser Erde, tust du es, damit er nicht schlechter werde oder anderen Menschen nicht ihre rechtschaffene Lebensführung beschmutze.»

So betet der kranke Zwingli zu Gott. Darin zeige sich, so Schneider, bereits ein zentrales Merkmal von Zwinglis späterer reformierter Theologe, nämlich die Lehre vom völligen Angewiesensein des Menschen auf Gott. Gemäss dieser Lehre ist es allein Gott, der dafür sorgt, dass der «Geist nicht schlechter wird» – der Mensch kann nichts zu seinem Seelenheil beitragen, vor allem nicht mit guten Werken. Nur die Gnade Gottes macht selig.

Noch deutlicher sagt es Peter Opitz, Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der theologischen Fakultät der Universität Zürich. Reformatorisches klinge im Pestlied nicht nur an, vielmehr sei dessen Verfasser 1519 bereits Reformator, hält der Zwingli-Kenner auf Anfrage fest. Seine «Wende» habe 1516 stattgefunden, indem er sich zu den Prinzipien «Christus allein» und «die Schrift allein» bekannt habe. «Deshalb wendet er sich in der Not nur an Christus – und nicht wie sonst üblich an einen Heiligen.»

Auch im Buch «Zwingli lesen», das Peter Opitz zusammen mit Ernst Saxer herausgegeben hat, wird betont, dass das Pestlied keine reformatorischen Wende markiere, sondern als «tödliche Anfechtung des Reformationswerks» zu verstehen sei – des Reformationswerks, das in der Hoffnung einer Erneuerung von Kirche und Christenheit bereits begonnen worden war.

Innerlich gereift
Wenn Gott aber Zwingli von der Pest geheilt hatte, durfte sich der Genesene definitiv als ermächtigt betrachten, sein reformatorisches Werk fortzusetzen. Der vor zwei Jahren verstorbene deutsche Theologe Tilman Hachfeld schreibt es in einer Betrachtung über den Zürcher Reformator so: «Die überstandene Pesterkrankung 1519 liess Zwingli innerlich reifen und sich dem Dienst seines Gottes noch fester verschreiben. Seit dieser Zeit rechnete er fest damit, einmal für die Wahrheit des Evangeliums sein Leben lassen zu müssen.»

Hans Herrmann, refomiert.info

Die ersten zwei Stophen aus Zwinglis Pestlied

Hilf, Herr Gott hilf
in dieser Not!
Mir scheint, der Tod
stehe an der Tür;
Christus, stell dich entgegen ihm,
denn du hast ihn überwunden.
Zu dir schreie ich.
Ist es dein Wille,
so zieh heraus den Pfeil,
der mich verdirbt,
der nicht eine Stunde lässt
mich haben Ruh und Rast.

Willst du denn doch
mich haben tot
inmitten meiner Tage,
so willige ich gerne ein.
Tu, wie du willst;
nichts halte ich für unannehmbar.
Dein Gefäss bin ich;
stelle es wieder her oder zerbrich es.
Denn wenn du
meinen Geist wegnimmst
von dieser Erde,
tust du es, damit er nicht schlechter werde
oder anderen Menschen nicht
ihre rechtschaffene Lebensführung beschmutze.


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