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Kirche

«Mit dem Lehrplan 21 bieten sich Chancen»

26.04.2022
Mit Matthias Mittelbach geht im Frühsommer ein Experte für Religionspädagogik in Pension. Der Kirchenbote hat sich mit ihm über die Zukunft des Religionsunterrichts unterhalten.

«Jede und jeder ist willkommen, wenn wir im Religionsunterricht in der jüdisch-christlichen Tradition Werte und Inhalte vermitteln», sagt Matthias Mittelbach. Noch bis im Juni ist er Konrektor am Rektorat für Religionsunterricht Basel-Stadt. Der promovierte Religionspädagoge hat jahrelang selbst Religionsunterricht erteilt und zahlreiche Religionslehrpersonen ausgebildet. «Im Religionsunterricht vermitteln wir religiöses Grundwissen und leisten damit einen Beitrag zum Bildungsauftrag der Schule», erklärt Mittelbach. «Wir fördern die Identitätsentwicklung der Kinder und Jugendlichen.» Und dies sei zentral. Denn angesichts des schier unbegrenzten Angebots an Werthaltungen suchten Kinder und Jugendliche oft Zuflucht in Extrempositionen. «Entweder verfallen sie in einen Relativismus, oder sie werden fundamentalistisch.» Eine religiöse Bildung befähige Kinder und Jugendliche dagegen zur eigenen Urteilsbildung und dazu, ihren eigenen Weg zu finden.

Kostenfrei, nicht kostenlos
Laut basel-städtischem Schulgesetz ist die Erteilung des Religionsunterrichts an den Schulen Sache der öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften. Der Kanton Basel-Stadt befürwortet dabei das Modell eines christlich offenen ökumenischen Religionsunterrichts in Verantwortung der Kirchen. «Seit 2014 besteht eine Kooperationsvereinbarung zwischen Kirche und Schule, in welcher geregelt ist, dass kirchliche Lehrpersonen schulische Aufgaben übernehmen und dafür entschädigt werden. Den Grossteil der Kosten für den Religionsunterricht tragen allerdings nach wie vor die Kirchen», erklärt Matthias Mittelbach.

In den öffentlichen Schulen von Basel-Stadt ist der Besuch des Religionsunterrichts zwar nicht obligatorisch, aber sehr beliebt. Bis zu 70 Prozent aller Kinder nehmen am Unterricht teil, für den die Landeskirchen rund vier Millionen Franken pro Jahr aufwenden. Die Teilnahme am Religionsunterricht steht allen Schülerinnen und Schülern offen, unabhängig von Konfession oder Religionszugehörigkeit. In der schulischen Realität seien die Religionsklassen dadurch oft kulturell und religiös sehr heterogen, was für die Religionslehrpersonen zwar eine Herausforderung darstelle, aber auch sehr viel Potenzial berge und als Chance für einen vielseitigen Unterricht genutzt werde. Die einladende Haltung der Kirchen basiere auf christlichen Grundprinzipien und der Überzeugung, dass das Wissen über die Religionen zu einer friedlicheren Welt beitragen könne. «Religionsunterricht ist ein Dienst an der Gesellschaft, den die Kirche hoch einschätzt und sich auch etwas kosten lässt», erklärt Mittelbach den gelebten Ansatz. «Überall, wo sich die Kirche aus der Schule verabschiedet, bricht etwas Wichtiges weg.»

Ökumenischer Lehrplan und Lehrplan 21
Der Religionsunterricht vermittle einerseits Informationen über die jüdisch-christliche Glaubenstradition und die Religionen der Welt, er lade die Schülerinnen und Schüler aber andererseits auch dazu ein, über das Woher, Wohin und Wozu unseres Lebens nachzudenken. Dank dem Fachbereich Natur – Mensch – Gesellschaft (NMG) im Lehrplan 21 ergebe sich eine Winwin-Situation, ist Matthias Mittelbach überzeugt. «Mit dem Lehrplan 21 übernimmt der Staat erstmals Verantwortung für den Fachbereich Religion. Das ist neu und bietet Chancen für eine Zusammenarbeit.» Die Kirchen haben ihren Lehrplan im Hinblick darauf überarbeitet. Der seit dem Schuljahr 2019/2020 gültige ökumenische Lehrplan weist deshalb die Schnittstellen zum schulischen Fachbereich NMG aus und ist explizit kompetenzorientiert aufgebaut.

Auch in der Ausbildung tragen die Kirchen dieser Entwicklung Rechnung. «Derzeit wird nach Wegen gesucht, wie sich Religionslehrerinnen und Primarlehrer im Fachbereich Religion gegenseitig stärken können.» Eine Arbeitsgruppe aus schulischen und kirchlichen Vertretern ist daran, entsprechende Konzepte auszuarbeiten. «Dank stärkerer Kooperation zwischen Schule und Kirchen versprechen wir uns künftig nicht zuletzt auch eine finanzielle Entlastung der Kirchen im Bereich Religionsunterricht», stellt Matthias Mittelbach in Aussicht. Zu wünschen wäre es.

Toni Schürmann


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